Geld gegen Patient: Nach diesem Prinzip haben Hamburger Kliniken eine bislang unbekannte Anzahl von Ärzten geschmiert. Seit Wochen sorgen die sogenannten "Fangprämien", mit denen Krankenhäuser sich bei niedergelassenen Medizinern eine Überweisung erkauften (MOPO berichtete), für Schlagzeilen. Doch die "Götter in Weiß" lassen sich nicht nur von Kliniken bestechen. Die illegalen, aber auch legalen Nebeneinkünfte von Ärzten stellen deutschlandweit ein ganzes System dar.
Eigentlich werden die rund 140000 Praxisärzte in Deutschland für ihre Patienten von den Krankenkassen bezahlt. Schon lange klagen sie aber, dass das nicht reicht, und zogen deshalb in den vergangenen Monaten immer wieder auf die Straße. Tatsächlich haben die Mediziner parallel zu ihrem offiziellen Honorar aber auch noch verdeckte Methoden zur Geldvermehrung.
Zu den illegalen Aktivitäten zählen:
- Kick-back-Geschäfte. Dabei handelt es sich um Deals zwischen Ärzten und Kliniken, aber auch beispielsweise zwischen Internisten und Röntgenärzten, Dentisten und Zahnlaboren, Orthopäden und Schuhmachern.
- Lancierte Studien, bei denen die Pharmaindustrie Ärzte gegen Geld mit der Erprobung von Arzneien beauftragt. Die Ergebnisse werden dann als wissenschaftliche Befunde ausgegeben.
- Verschreibung bestimmter Medikamente gegen Geld oder gegen Geschenke. Im sogenannten Trommsdorff-Skandal erhielten bis zu 480 Ärzte in Deutschland (zehn in Hamburg) Flachbildschirme, iPods, DVD-Rekorder, Navigationssysteme, Laptops und Computer für die Verordnung eines Blutdrucksenkers. Im Solvay-Skandal gab's gegen Rezepte Geld und Reisen.
- Krank machen: Andere Ärzte machten ihre Patienten auf Druck einzelner Kassen auf dem Papier kränker, als diese waren, damit die Kassen mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds bekamen.
- Bezahlte Vertreterbesuche: nur für den Empfang gibt's ein Honorar.
Aber auch beim offiziellen Honorar wird getrickst:
- Abrechnung zusätzlicher Leistungen: Die Ärzte stellen der Kasse Extrabehandlungen in Rechnung, die sie gar nicht geleistet haben. Oft sind das Beratungsgespräche.
- Doppelabrechnungen: Im Jahr 2002 kassierten eine Reihe von Chirurgen 500 bis 700 Mark von Patienten für Gelenkoperationen mit Lasergeräten, obwohl die Kassen die Operationen voll vergütet hatten.
- Abrechnung Verstorbener: Besonders makaber handelten Ärzte, die Leistungen für bereits verstorbene Patienten bei der Kasse in Rechnung stellten.
- Unnötige Zusatzuntersuchungen: Die Ärzte überreden ihre Patienten zu teuren Extra-behandlungen (Individuelle Gesundheitsleistungen, IGeL), die diese aus eigener Tasche bezahlen, die medizinisch aber unnötig sind.
- Missbrauch von Versichertenkarten: Ein Beispiel dazu hat Transparency International veröffentlicht. Eine Frau, die in einer Arztpraxis nur kurz zur Toilette wollte, musste ihre Krankenkassenkarte vorlegen. Der Arzt rechnete anschließend eine Behandlung wegen Durchfalls ab.
Nach Angaben von Ermittlern ist die Korruption im Gesundheitswesen an der Tagesordnung. "Ich bin immer wieder entsetzt, dass bei vielen Ärzten jegliches Unrechtsbewusstsein fehlt", so Staatsanwalt Alexander Badle von der "Ermittlungsgruppe Betrug und Korruption im Gesundheitswesen".
Laut Transparency International entsteht dem Gesundheitssystem ein jährlicher Schaden von bis zu 20 Milliarden Euro.
Allerdings: Nicht alle bezahlten Nebentätigkeiten von Medizinern sind illegal. Erlaubt sind Leistungen für Unternehmen oder Universitäten wie:
- Vorträge
- Bücher oder Artikel veröffentlichen
- Beratung
- Klinische Prüfung
- Anwendungsbeobachtungen
- Alles nur, sofern es einen schriftlichen Vertrag gibt, die Vergütung in Geld erfolgt und der erbrachten Leistung entspricht.