Bei der „Jahr100-Gala“ am Sonntag im Schmidts Tivoli wird auch der neue Publikumsliebling Gerald Asamoah auf der Bühne stehen. Allein. „Asa“ liest aus „FC St. Pauli. Das Buch“ über Guy Acolatse vor. Der Togolese spielte von 1963 bis 1966 als erster farbiger Fußball-Profi in Deutschland für die Kiezkicker in der Regionalliga Nord (2. Liga) – damals eine absolute Sensation.
Trainer Otto Westphal, der die Auswahl Togos gecoacht hatte, lockte ihn mit den Worten „Mein künftiger Verein sucht eine Nummer zehn“ zu den Braun-Weißen. Acolatse, mit 17 bereits Nationalspieler, hatte Angebote aus Frankreich und Belgien abgelehnt, traute sich wegen der Vaterfigur Westphal in das ferne Hamburg. Außerdem: „Ich war ja auch als Spieler ein Draufgänger.“
Von Deutschland habe er nichts gewusst: „Fernsehen gab es bei uns damals nicht.“ Am 14. Juli 1963 war es so weit. „Als ich am Millerntor ankam“, erinnert sich der seinerzeit 21-jährige Offensivspieler Acolatse, „waren sehr viele Leute da. Ich vermutete, dass ein Spiel stattfinden würde. ,Nein‘, sagte Westphal, ,die sind alle wegen dir gekommen.‘“
Ein Dunkelhäutiger in den 60er Jahren in Deutschland – was für ein Abenteuer! Acolatse: „Einige Leute schabten mit dem Fingernagel an meinen Unterarmen, wollten sehen, ob die Farbe abgeht. Viele andere hatten Angst vor mir.“ Darunter ein Beamter: „Als ich meinen Führerschein abholen wollte, starrte er mich an. Ich habe meine Augen weit aufgerissen und bin ganz langsam auf ihn zugegangen, habe mit den Augen gerollt. Der Mann ging immer weiter zurück – bis er mit dem Rücken an der Wand stand. Sein Kollege lachte. Ich holte dann drei Kaffee und wir plauderten, haben uns sogar angefreundet.“
Überall sorgte die „schwarze Perle“ für Aufsehen: „Wenn ich in Hamburg unterwegs war, haben die Leute geguckt. In der Disco Top Ten sind die Leute von der Tanzfläche zurückgegangen, sahen mir zu.“ Manchmal gab's auch rassistische Anfeindungen in Bars oder Restaurants („Hier können Sie nicht sitzen!“), doch der exotische Kicker begegnete Ablehnung, Angst und Unsicherheit der Deutschen mit viel Humor: „Ich habe dann oft Grimassen gezogen. Ich war schon als Kind ein Schauspieler.“
Bei einem Auswärtsspiel wich Acolatse bei einem Einwurf weit zurück. Die Zuschauer fürchteten sich, einer fragte: „Was willst du?“ Seine Antwort: „Du, zum Boxen bin ich nicht hier ...“
Andere Besucher verspotteten ihn bösartig: „Guy, wenn du kein Tor gegen uns schießt, kriegst du eine Banane, du kleiner Affe.“ Weil Acolatse trotzdem seine Späße machte, wollten sich viele nach dem Abpfiff mit ihm fotografieren lassen ...
Selbst von knallharten Gegenspielern ließ sich der Afrikaner nie einschüchtern: „Ich drohte ihnen: ,Wenn du mich noch einmal stößt, beiße ich. Der Neger beißt!‘“ Das zeigte Wirkung.
Nach Toren drehte er einen Salto. Viele gab es davon nicht, er glänzte eher als Vorbereiter für Horst Haecks und Peter „Oschi“ Osterhoff. Beliebt war er auch wegen seiner eigenen Wohnung, die er seinen St. Pauli-Mannschaftskollegen gern als sturmfreie Bude zur Verfügung stellte. Nach drei Saisons wechselte Guy 1966 zum Nachbarn BU, spielte später noch mal in St. Paulis Amateurmannschaft.
Unterm Strich fühlte sich der Togolese wohl: „Ich kann nichts Schlechtes sagen über die Deutschen, am Millerntor hatte ich nie Schwierigkeiten. Einige Fans wollten mich sogar übers Wochenende mit nach Hause nehmen.“ Er faszinierte die Damenwelt, war mit einer Hamburgerin gleich drei Mal verheiratet, hat einen heute 44-jährigen Sohn. Er ist mittlerweile 68 Jahre alt, lebt seit 1981 in Paris, wo er seitdem Jugendliche trainiert.
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