Die Regisseurin ruft aus dem Dunkel des Zuschauerraums: "Ihr seid Männer, ihr habt was zu sagen!" Sofort bekommt jedes Wort mehr Gewicht, der Gesichtsausdruck wird bedeutungsvoller: Auf der Bühne stehen drei zehnjährige "Männer" aus der 5. Klasse der Ganztagsschule St. Pauli - drei Hamlets. Die Idee, den Shakespeare-Klassiker mit Schülern auf die Beine zu stellen, stammt vom Stadtteil-Nachbarn, dem St. Pauli-Theater. Und genau dort wird "Hamlet" nächste Woche über "Sein oder Nicht-Sein" entscheiden.
Regisseurin Dania Hohmann hat die Titelfigur bewusst gedrittelt. Damit verteilt sich nicht nur die Last der Textmenge, auch die Gefühle des dänischen Prinzen sind besser sortiert: Pascal kann gut mit Jenny alias Ophelia, deshalb ist er für die Liebe zuständig. Shayan verkörpert überzeugend den traurigen Zweifler. Deniz hingegen muss den Hass und die Mordgedanken glaubwürdig rüberbringen: "Es macht Spaß, so was vor Leuten zu spielen", sagt der zehnjährige Deutsch-Türke.
Nicht nur seine Passagen, sondern den gesamten Text kann er auswendig - würde er da den "Hamlet" nicht lieber allein hinlegen? "Nein, das sind ja meine Freunde. Wir haben uns zusammen angemeldet." Schreckt ihn eigentlich die altmodische Sprache? "Ich mag den Text, weil ich den mit so viel Wut sprechen soll!" Die Kampfszenen mit den Schwertern taten ein Übriges, ihn und seine Freunde für die Schauspielerei zu gewinnen.
Milica, ebenfalls zehn Jahre alt, ist erst seit zwei Jahren in Deutschland. In ihrer Heimat Serbien arbeitet ihr Cousin als Berufsschauspieler. An ihn musste sie denken, als sie den Aushang in ihrer Schule sah - ihr war sofort klar: "da will ich auftreten". Nun spielt sie die Rolle der Königin Gertrude, Hamlets Mutter. Die sollte eigentlich ein anderes Mädchen spielen, doch die weigerte sich, ihren "Gatten" anzufassen. So übernahm Milica kurzerhand die Rolle, in der sie sogar mit ihrem Bühnen-Mann tanzt. Nicht ihre Lieblingsszene - doch sie macht es einfach großartig. "Ich war überrascht, dass ich das kann", bekennt sie mit entwaffnender Ehrlichkeit.
Was alle der 19 Schüler zwischen zehn und 13 Jahren können - und das mit großer Hingabe: Spielen, singen und tanzen.