Sie haben Killer auf ihn angesetzt, auf ihn geschossen und ihn mit Messern traktiert. Stefan Hentschels Oberkörper - mit Narben übersät, das rechte Auge blind. Der Ex-Zuhälter und Ur-Kiezianer hat alle Anschläge überlebt. Doch am Ende siegte doch nicht das Leben. Der 58-Jährige nahm sich gestern das Leben. Er erhängte sich im Boxkeller der "Ritze" an der Reeperbahn.
Nahezu drei Jahrzehnte war er die große Nummer auf dem Kiez. Zu seinen besten Zeiten gingen 27 Huren für ihn anschaffen. In den 80ern besaß er eine Etage im legendären "Eros Center". Die Leute hatten Respekt vor ihm. Hentschel: 1,82 Meter Körpergröße, fast 100 Kilogramm Kampfgewicht und durchtrainiert - ein Mann wie ein Bär.
Respekt, genau das war es, was ihm in seinen letzten Jahren fehlte. Auf dem Kiez regieren nun andere. Unter den jungen Luden, wenn sie ihn denn kannten, konnte er keine Angst mehr verbreiten. Er war abgeschrieben. Sein Geld verdiente er nicht mehr mit Mädels, sondern mit Putzkolonnen. Doch auch das Geschäft ging in die Hose. 2004 ließ er er seine Memoiren schreiben, stand Pate für ein Hamburger Modelabel. Zuletzt kam nichts mehr in die Kasse.
Hentschels Aufstieg begann Ende der 70er Jahre. Ein Kumpel aus seinem Sportstudio an der Ost-West-Straße nahm ihn mit ins "Café Chérie". Das angesagteste Bordell damals. Mit dem Mädchen Reni (den wahren Namen verriet er nie) ging er in den "Turm". Die beiden verliebten sich. Er, der unverbrauchte 24-Jährige, machte ein bisschen mehr her als "Luden-Schorsch", Renis 40-jähriger Zuhälter.
Danach ging es ganz schnell mit den Frauen. "Du machst den Zampano, legst eine Werbewoche auf Gran Canaria ein, zeigst der Dame die große Welt", erzählte er. Das große Geld, die dicken Autos, Uhren - alles, was glänzt.
Jahre später gestand er, ein schlechtes Gewissen gehabt zu haben, weil er auf Kosten der Mädchen lebte. "Natürlich hast du dir Gedanken gemacht. Hast dich doch selber verkorkst."
In den 80er Jahren wurde es ungemütlich auf dem Kiez. Der "Wiener-Peter" setzte Killer Mucki Pinzner auf seinen Konkurrenten an. Zwei Freunde von Hentschel starben. Und als ihm 1994 ein ehemaliger Freund seinen Nobel-Club "Base" mit einer Bombe in die Luft jagte, war Schluss.
Am Ende war Hentschel abgewrackt, hoch verschuldet, verlor seine Wohnung. "Er war depressiv, konnte nicht verwinden, dass er keine Rolle mehr auf dem Kiez spielte", sagt ein ehemaliger Weggefährte. Halt gab ihm nur die "Ritze", wo er fast jeden Tag sein Boxtraining absolvierte.
Dort schloss er sich am Sonntagabend im Boxkeller ein, sagte, er wolle trainieren. Einen der Sandsäcke neben dem Boxring holte er von der Decke. Hier wollte er sterben. Eine Putzfrau entdeckte seine Leiche.
Seinen Freunden deutete Hentschel schon vor Wochen seinen "Rückzug" an. Für voll hat ihn keiner genommen. Noch am Sonntag sagte er zu einem Kumpel in der "Ritze": "Morgen kämpfe ich den härtesten Kampf meines Lebens."