263679Hamburgs Stadtteil St.Pauli ist in den vergangenen Jahren kräftig umgekrempelt worden: Neue Hotels sind entstanden, alte Wohnungen wurden modernisiert oder abgerissen und auf dem Gelände der Brauerei Bavaria entstand gar ein neues, hypermodernes Wohnviertel. Auch die Stadt wirbt mit dem Kiez, will mit dem Charme des Viertels Touristen in die Stadt locken. "St. Pauli kann sich zu einem boomenden Stadtteil entwickeln", sagt Bettina Bunge von der "Hamburg Tourismus GmbH". Schon jetzt kämen jährlich 25 Millionen Besucher. "Boomtown" St.Pauli? Das freut nicht jeden!
Der Wandel hat für viele alteingessene Bewohner schwerwiegende Folgen: Die Mieten sind in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen, von 7,70 Euro pro Quadratmeter (1994) auf 11,10 Euro (2007). Viele Geringverdiener und Ausländer haben das Viertel verlassen. "Ich habe Angst, dass ich wegen der hohen Mieten meine Wohnung bald verlassen muss", sagt auch Anwohnerin Tania Kibermanis.
Und die großen Events wie zum Beispiel der Schlagermove gehen den Anwohnern mittlerweile mächtig auf die Nerven. "Ich kenne niemanden hier, der diese Veranstaltungen gut findet", sagt Rocko Schamoni (42) vom Golden Pudel Club.
Diese Erkenntnisse liefert der neue Film "Empire St. Pauli - von Perlenketten und Platzverweisen", der gestern von der Gemeinwesenarbeit St. Pauli (GWA) im Kölibri-Zentrum vorgestellt wurde.
Fast ein Jahr lang zogen die Filmemacher Irene Bude (43) und Olaf Sobczak (40) zusammen mit Steffen Jörg (37) von der GWA durch den Stadtteil. Sie interviewten rund 70 Menschen, darunter Alteingessene, Zugezogene, Wirte und Hoteliers. "Mit dem Film wollten wir die Entwicklung des Stadtteils dokumentieren", sagt Steffen Jörg.
Erstmalig ist der Film jetzt auf der Dokumentarfilmwoche am 28. April im 3001-Kino zu sehen. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.empire-stpauli.de.
"St. Pauli kann boomen"
Bettina Bunge von der "Hamburg Tourismus GmbH": "Warum ist der Hafen so wichtig? Weil hier die meisten Leute hinkommen. Jährlich sind es 25 Millionen, die hier eine Menge Geld lassen. Wir müssen das Image des Viertels aber noch aufbessern, St. Pauli könnte ein boomender Stadtteil werden."
"Mietpreis nicht mehr bezahlbar"
Ilona Wöbke, Anwohnerin: "Ich muss aus meiner Wohnung in St. Pauli ausziehen. Ich bin jetzt Hartz-IV-Empfängerin, und das Amt will meine Wohnung nicht bezahlen. Vielen Nachbarn ist es auch so ergangen. Wir leben jetzt in anderen Stadtteilen, in alle Winde verstreut."
"Alte Leute raus, die Miete rauf"
Ralf Odinius, Anwohner: "Einige sogenannte Szene-Leute finden die Gegend hier toll und ziehen ein. Die Vermieter sehen das, und los geht es: Die alten Leute raus - die Mieten hoch - bum. So funktioniert das, und die normalen Leute können die Miete nicht mehr zahlen."
Das neue St. Pauli: Das Empire-Riverside-Hotel am Hafen ist ein Symbol für den Wandel des Kiezes. Mit den neuen Bauten stiegen die Mieten, darunter leiden viele der Alteingessenen.
"Hier wird abgemolken"
Rocko Schamoni, 42, Betreiber Golden Pudel Club: "Alles, was dumm ist, findet hier statt, etwa der Schlagermove. Finanziell wird hier kräftig abgemolken. Ich kenne niemanden aus dem Viertel, der die Veränderung gut findet. Vom alten Charme wird nicht viel bleiben."
"Ich vermisse den alten Geruch"
Klaus Behnke: "Ich habe von 1990 bis 2002 in der Bavaria-Brauerei gearbeitet und erinnere mich gerne an die alte Zeit. Vor allem vermisse ich den herrlichen Geruch von Biermaische in der Luft, wenn ich heute hier vorbeikomme."
"Die Neuen bleiben für sich"
Ivo Glins, Marco und Fabio Camara: "Das neue Viertel auf dem Bavaria-Gelände ist eine Welt für sich. Die Anwohner können da einkaufen gehen, woanders brauchen sie gar nicht hinzugehen. Wir können das nicht verstehen. Wenn man in ein neues Viertel kommt, sollte man sich doch unter die Leute mischen."
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