Von der Moderne in die Steinzeit ist es nur ein kurzer Weg - wenn man Vattenfall-Kunde ist. Horst und Heike Escher hatten sich geweigert, Preiserhöhungen zu zahlen. Das fand der Stromgigant gar nicht witzig. Den Eschers wurden vor zwei Wochen der Saft abgedreht. Hamburgs Stromrebellen blieben hart, zogen vor Gericht - und bekamen gestern recht!
16 Kerzen stehen auf dem Wohnzimmertisch in Dulsberg, eine brennt ständig im Bad. Der Kühlschrank ist leer, der Fernseher tot, die Musikanlage stumm. "Für mich ist das unfassbar. Ich hätte nicht gedacht, dass die ihre Drohung wahr machen", sagt Horst Escher (56) vor der Verhandlung wutentbrannt. "Eine Familie mit kleinen Kindern, Alte oder Kranke hätten keine Chance gehabt." Die komplette Kommunikation mit Freunden und Verwandten ist abgebrochen, Wasch- und Spülmaschine funktionieren nicht, und duschen geht nur kalt, weil die Therme nicht anspringt.
Der Streit begann vor anderthalb Jahren. Mitte 2006 trudelte eine Preiserhöhung ins Haus. Eschers legten Widerspruch ein. Ein Anbieterwechsel kam nicht in Betracht. "Damit akzeptieren wir ja die Preise. Ich ärgere mich, mit welcher Frechheit alle ausgebeutet werden", so Escher. Jetzt ging es ums Prinzip.
Statt zu zahlen, wollte er von Vattenfall wissen, warum er mehr löhnen solle. Genau wie im Gasbereich bereits üblich, bestätigt sein Anwalt Jörg Sprenger (siehe Text unten). Doch Vattenfall weigerte sich. Begründung: mögliche Wettbewerbsnachteile. "Außerdem legen wir die Kalkulation unseres Grundtarifs der Wirtschaftsbehörde vor. Die entscheidet dann, ob Erhöhungen berechtigt sind", so Sprecherin Sabine Neumann.
Die Eschers zahlten weiter 48 statt der, auch wegen eines erhöhten Verbrauchs, geforderten 63 Euro. Anfang August hatten sich dann laut Vattenfall knapp 200 Euro Schulden aufgehäuft. Der Strom wurde mit der Begründung abgestellt, die Eschers hätten somit umgerechnet drei Monate keine Rechnung gezahlt. Dabei hatten die Eschers eine derartige Verrechnung ihrer Zahlungen untersagt.
Auf Grund dieser unzulässigen Verrechnung gab ihnen das Amtsgericht Barmbek gestern recht. "Ein Präzedenzfall ist das deshalb noch nicht", so Anwalt Sprenger. "Aber es zeigt, dass Verbraucher sich wehren können." Die Eschers sind erst mal froh, wieder kochen zu können. Und eine gute Sache hatte die Stromsperre sogar, sagt Heike Escher: "Nach 31 Jahren frischt das die Beziehung wieder auf."