Drama (Schauspielhaus) gegen Gesellschaftskomödie (Thalia Theater) Das Schauspielhaus schnitt diesmal - mit einer Koproduktion aus Hannover - besser ab. Das Thalia Theater, bislang im direkten Vergleich mit großem Vorsprung, enttäuschte.
Schauspielhaus
Geschichten vom alltäglichen Wahnsinn
Die Höschen blieben an. Trotz des Titels. "Pornographie" heißt das Stück von Simon Stephens, das im Schauspielhaus Premiere hatte. Eine Koproduktion mit dem Schauspiel Hannover, wo es bereits von Kritikern für gut befunden wurde. Nach dem flauen Saisonstart mit der "Hermannsschlacht" konnte Schauspielhaus-Chef Friedrich Schirmer also gelassen den sicheren Erfolg einheimsen.
Es geht nicht um Sex, sondern um Menschen, die die Regeln brechen. Etwa der vermeintliche Selbstmordattentäter, das Geschwisterpaar, das sich ineinander verliebt, der Professor, der seine Studentin erpresst.
Es sind flüchtige Momentaufnahmen, die in London spielen, kurz vor dem Terroranschlag in der U-Bahn 2005. Das Ereignis ragt wie ein Schatten in den Alltag der Figuren hinein. Der Coup des Regisseurs: Er gab den kleinen Episoden einen großen Hintergrund: die Menschheitsgeschichte von Aufbau und Zerstörung, widergespiegelt in Pieter Brueghels Gemälde "Turmbau zu Babel".
Mit dieser Inszenierung ist das Schauspielhaus im Wettstreit mit dem Thalia Theater wieder im Rennen - wenn auch mit Schützenhilfe aus Hannover.
Thalia Theater
Bissige Satire aus der Arbeitswelt
"Die Beißfrequenz der Kettenhunde" heißt das Stück, das im Thalia uraufgeführt wurde. Eine Farce über die Arbeitswelt. Nebenbei gibt's noch was zur Globalisierung und zum Konflikt zwischen Vätern und Söhnen, Müttern und Töchtern - zu viel Information und zu wenig Konzentration.
Hauptfigur ist Peter Vischer mit "V". Ein Verlierer. Er wird in einer Firma als Geschäftsführer eingestellt, und schon geht's bergab. Kollegin Marie (herrlich schräg: Maren Eggert) lässt ihn abblitzen. Sekretärin Roswitha bremst ihn aus. Hilflos schlägt Vischer mit Entlassungen zurück. Bis es schließlich ihn selbst trifft.
Autor Andreas Marber erzählt das mit einem Wortwitz, der häufig ins Kalauern rutscht. Eine Gesellschaftskomödie - das hat er drauf. Am Ende wendet sich das Stück zum Psychodrama. Und es ist vor allem dem "traurigen Clown" Vischer (Peter Jordan) zu verdanken, dass die Aufführung nicht in den Kitsch rutscht.
Davor steht auch Regisseur Kimmig. Er hat souverän inszeniert, zugespitzt auf die Figuren. Aber letztlich bleibt es ein Zur-Schau-Stellen der Virtuosität. Und das ist für das "Theater des Jahres" dann doch zu wenig.