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SCHAUSPIELHAUS / THALIA THEATER

Zweites Duell der Theatergiganten

Lessings "Minna von Barnhelm" im Schauspielhaus und Shakespeares "Maß für Maß" im Thalia Theater. In der "Minna" geht es um die Folgen des Kriegs, bei Shakespeare um die des Machtmissbrauchs. Fürs Thalia ging Stefan Bachmann an den Start, fürs Schauspielhaus Karin Henkel. Sie hatte am Ende die Nase vorn.





Thalia Theater "Maß für Maß"



Regisseur Bachmann lässt "Maß für Maß" als flotte Politfarce spielen. Esther Geremus entwarf ein paar graue Beamtenuniformen, und Steffen Schmerse baute einen schräg stehenden Präsentierteller. Hier übergibt der Herzog (Stephan Schad) unter lautem Hubschraubergedröhn die Amtsgeschäfte an seinen Stellvertreter Angelo (Norman Hacker). Soll der richten, was der Chef nicht hingekriegt hat. Das erledigt Angelo dann auch im wahren Wortsinn: Er lässt Claudio (Jörg Koslowsky) zum Tode verurteilen, weil der seine Geliebte geschwängert hat. Ziel: Zucht und Ordnung mögen wieder einkehren im Staat. Der Herzog - gar nicht dumm - kehrt inkognito zurück und schaut seinem Assi auf die Finger.



Bei Bachmann wird der Herzog zum Strippenzieher, der die Figuren "seines" Spiels wie Puppen an den Ohren führt oder sie auf die Szene wirft. Auch die junge Nonne Isabella (Maren Eggert), die bei Angelo um das Leben ihres Bruders Claudio bettelt. Der sittenstrenge Interimsherrscher verfällt prompt der Tugendsamen, macht sich nackig und suhlt sich "Pfui Teufel" schreiend in einer Wasserpfütze. Das hindert ihn jedoch nicht, Isabella ein unmoralisches Angebot zu machen: Gibt sie ihm Sex, gibt er ihren Bruder frei.



Kurz und souverän hat Bachmann das Shakespeare-Werk inszeniert - mit einem Ensemble, das durchgängig auf hohem Niveau agierte. Solch Virtuosität sucht derzeit - vermutlich im gesamten deutschsprachigen Raum - seinesgleichen. Jedoch: Im Grunde geht einen diese schöne Farce nichts an. Denn was genau wird verhandelt? Dass Politiker skrupellose Kerle sind oder Nonnen die Ehre über den Tod stellen? Bisschen mager.



SUSANN OBERACKER



Thalia Theater, 3., 4., 6., 22.11., 20 Uhr, 6,50 bis 44 Euro, Tel. 32 81 44 44



Schauspielhaus "Minna von Barnhelm"



Einen Moment schien es, als würde auch im Schauspielhaus Shakespeare gespielt, obwohl doch Lessing auf dem Programm stand. Denn Karin Henkel lässt den Abend mit Hamlets Worten "Sein oder nicht sein" beginnen. Dazu hält Tellheim sich die Knarre an den Hals. Was zunächst wie ein makabrer Scherz wirkt, entpuppt sich bald als Methode: Denn in dieser Inszenierung ist alles Spiel - mit dem Theater und den Geschlechterrollen.



Das fängt damit an, dass Major von Tellheim von einer Frau gespielt wird - von Jana Schulz. Ein Coup, der alles Gerede von männlicher Ehre ad absurdum führt. In dreckiger Wäsche und zerschlissener Uniformjacke ist ihr Tellheim ein verzweifeltes Jüngelchen mit nur einem Arm und nichts in der Hose. Fälschlich beschuldigt, Geld unterschlagen zu haben, haust er mittellos in einer schäbigen Absteige. Hier spürt ihn seine Verlobte Minna (Marie Leuenberger) auf.



Doch eigentlich ist alles nur ein Strategiespiel zum siebenjährigen Krieg: Marco Albrecht verkleidet sich als Wirt. Aus Julia Nachtmann wird Minnas Zofe Franziska, aus Tim Grobe Tellheims Diener Just, aus Marie Leuenberger eine pummelige, Kekse futternde, Geldscheine schwingende Minna. Stefan Mayer hat für dieses Spiel im Spiel eine Schachtelbühne mit mehreren Vorhängen gebaut.



"Corriger la fortune", dem "Glück nachhelfen", ist der Schlüsselsatz. Bei Lessing führt er zum glücklichen Ende, bei Henkel im ersten Versuch direkt in den Tod: Tellheim erschießt sich. Doch wir sind im Theater! Also spielen wir's noch einmal. Diesmal bringt Tellheim Minna um. Schließlich greifen die Mitspieler ein und stecken das blutverschmierte Paar in Hochzeitskleider. Danach rauschen sie in der Guckkastenbühne mitsamt dem "falschen" Happy End in die Tiefe.



Karin Henkel zeigt, was der Krieg aus Menschen macht: ichfixierte, liebesunfähige Wesen, die nach Anerkennung gieren. Die Regisseurin treibt alles auf die Spitze und schafft einen aufregenden Theaterabend mit einem ausdrucksstarken Ensemble.

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Datum:  29.10.2007
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