Wenn Frank Weber (42) über den Hamburger Fischmarkt läuft, packt ihn die Wut. Dann würde der Leiter des Franziskus-Tierheims in Lokstedt sie am liebsten alle mitnehmen: die lebenden Hühner, Tauben, Kaninchen und Meerschweinchen, die die Tierhändler hier anbieten. "Die hocken auf engstem Raum zusammen, fast alle ohne Wasser. Viele sind krank", kritisiert der Tierschützer. Und fordert: "Verbietet endlich diese Quälerei!"
Ein Besuch auf dem Fischmarkt sonntags um 7.15 Uhr. Kinder zeigen mit ihren Fingern auf die Kaninchenbabys, die sie haben wollen. Ihre Eltern zahlen. Männchen oder Weibchen? Darüber verliert der Händler kein Wort. "Alles gemischt", heißt es erst auf Nachfrage. Kastriert? Keines. Frank Weber ist geschockt: Kaninchen sind ab vier Monaten geschlechtsreif. Ein Wurf hat sechs Junge oder mehr. "Es fehlt hier komplett an Beratung", sagt er. "Die Tiere gelten als Ware, die sich jeder kaufen kann, egal, ob er sie unterbringen kann oder nicht."
Vor einem winzigen Käfig mit sieben Hähnen hat sich eine Gruppe betrunkener Jungs aufgebaut. "Ey, Digger, lass mal ’nen Hahn kaufen, kostet nur acht Euro", grölt einer. "Mit dem kann man bestimmt lustige Experimente machen." Und daraus kann durchaus Ernst werden, weiß Frank Weber: "Tierschützer haben schon gesehen, wie Besoffene hier Meerschweinchen gekauft und in die Elbe geworfen haben."
Der Rummel auf dem Fischmarkt, kein Schutzhaus, kein Wasser: "Die Tiere stehen unter massivem Stress", sagt Frank Weber. "Das macht sie anfälliger für Krankheiten." Testkauf: Der Tierschützer ersteht zwei Meerschweinchen und vier Kaninchen und lässt sie von der Hamburger Tierärztin Dr. Corinna Cornand (44) untersuchen.
Das Ergebnis: Alle sechs Tiere sind nicht gesund. Kratzstellen und Blutkrusten – eines der Meerschweinchen ist von Milben befallen. "Das muss man schnell behandeln, sonst kriegt es krampfartige Juckanfälle", sagt die Tierärztin. "Und Milben gehen auch auf Menschen über, vor allem auf Kinder."
Einem der Kaninchen fehlt ein Auge, die Höhle ist eitrig entzündet. "So was kann angeboren sein, aber auch durch eine Verletzung passieren2, sagt Corinna Cornand. Außerdem hat das Kaninchen Bisswunden im Nacken. "Das passiert, wenn die Tiere auf zu engem Raum gehalten werden."
Die beiden Babykaninchen drücken sich ängstlich in die Transportkiste. „Die sind maximal vier Wochen alt“, sagt Corinna Cornand. „Sie hätten noch gar nicht von der Mutter getrennt werden dürfen.“ Normalerweise brauchen die Kleinen bis zur siebten Woche Milch und lernen von der Mutter erst noch das richtige Verhalten.
Die MOPO am Sonntag hakt bei den Händlern nach. In der Regel sind es Bauern aus dem Umland, einige sind schon in Rente. Die meisten züchten selbst. "Nicht jedes Tier wird 100-prozentig untersucht, da kann es schon mal vorkommen, dass welche krank sind", sagt ein Händler im Karohemd. Und ein anderer mit weißem Schnauzbart möchte sich gar nicht äußern. Nur so viel: "Der Tierschützer will sich nur bekannt machen. Und die Tierärztin hat leider keine Ahnung."
Vier bis sechs Mal im Jahr kontrolliert Amtstierarzt Dr. Otto Horst (55) die Händler auf dem Fischmarkt. "Hin und wieder mal gäbe es Verstöße. Zum Beispiel lassen Händler ihre Tiere zu lange in den Transportkisten, in denen sie nicht aufrecht stehen können", sagt er. Es sei auch nicht ausgeschlossen, dass mal Tiere mit Verletzungen dazwischen seien. "Wir weisen dann darauf hin. Bei einer Wiederholung verhängen wir Bußgelder von mehreren hundert Euro oder verweisen den Händler vom Platz."
Frank Weber und das Tierheim-Team päppeln die sechs gekauften Tiere auf. "Ich wünsche mir, dass dieser Handel auf dem Fischmarkt verboten wird", sagt Weber. "Die Menschen sollten nur da Tiere kaufen, wo sie auch beraten werden."