Ein Hinterhof, ein Boxring, ein Tresen – simpel, aber erfolgreich. Seit fast 40 Jahren ist die „Ritze“ (Credo „Oben saufen, unten schlagen“) Hamburgs urigste Box-Kneipe. In dieser Woche feierte der Liederabend „Ritze“ am St. Pauli-Theater Premiere. Die Kritiken überschwänglich, das Publikum begeistert. Die MOPO am Sonntag verbrachte eine Nacht in der Sport-und-Suff-Bar, um zu sehen, wie es so zugeht in der „Ritze“.
Ein einsamer Hinterhof an der Reeperbahn, im Vorbeigehen kaum zu erkennen. Der Weg in die „Ritze“ führt durch die zwei überdimensionalen gespreizten Frauenbeine an der Eingangstür, längst Wahrzeichen der Meile. Hinterm Tresen steht Monika. Föhnfrisur, breites Lächeln, Fluppe im Mundwinkel, ein Kiez-Urgestein. Sie hat den Laden im Griff, das sieht man. „Ich bin auf St. Pauli geboren“, erzählt sie. Wann das war, will sie nicht verraten.
Wer immer sich den Begriff Kiezkaschemme ausgedacht hat, er muss dabei an die „Ritze“ gedacht haben: Biedere Sitzecken in Eiche rustikal säumen die Seiten. Die Toiletten sind holzgetäfelt, die Wände der beiden schlauchartigen Räume bis auf den letzten Quadratzentimeter mit Fotos vergangener Zeiten tapeziert.
Aus der digitalen Jukebox (der einzige Anachronismus im Interieur) dröhnt „Joana“ von Roland Kaiser: „Joana, geboren, um Liebe zu geben, verbotene Träume erleben.“ Ein hinterkopfloser Mann in Van-Nistelrooy-Trikot stellt sich in den Gang, grölt mit und klatscht die Hände überm Kopf zusammen, als würde er etwas über sich kaputt schlagen wollen.
In der „Ritze“ strandet, wer vom Leben nicht genug bekommen kann oder längst genug hat: Gefallene und Stehaufmännchen, Glückssucher und Unheilsbringer, Touristen, Abiturienten. Kiezgrößen sind hier geformt und demontiert worden. Alles Gute und alles Schlechte auf der Welt scheint sich hier zu finden. Wer in die „Ritze“ kommt, verändert sich, heißt es. Am Tresen, so witzeln einige, stehen an manchen Tagen 100 Jahre Knast beieinander. Das Publikum heute ist – verglichen mit der übrigen Kiezkundschaft – verhältnismäßig alt (kaum jemand unter 40) und friedlich. Die Jugend scheint den Weg in den Hinterhof nicht gefunden zu haben.
„Hier gibt es nichts, was es nicht gibt“, sagt Stammgast Uwe (48). „Das ist eine Traditionsgaststätte für ganz normale Leute. Und trotzdem: Du weißt nie, wer als Nächstes zur Tür reinkommt.“
Im Untergeschoss befindet sich der kneipeneigene Boxkeller. Hier hat das Milieu trainiert. Und einige der ganz Großen: Dagge, Maske, Michalczewski. In der Kammer, die früher mal eine Toilette war, riecht es, wie es in einem fensterlosen Raum nach 40 Jahren riechen muss. Schweiß, Angst, Blut und Tränen. Es gibt wenig, was diese Wände noch nicht gesehen haben.
Monika wirbelt durch die Reihen, streichelt einem Endfünfziger über die Wange: „Na, min Dschung, Bierchen?“ Einen breiteren Hamburger Dialekt als Monika kann ein Mensch nicht haben. „Das ist geil, geil ist das!“, krächzt sie und zeigt auf die Jukebox. Dann fummelt sie an der Musikmaschine herum. Es ertönt das „Ritzelied“: „Und wenn die Sonne erwacht, auf der Reeperbahn bei Nacht, dann weiß ich, ich sitze schon längst in der Ritze.“
Hans-Jürgen (58) aus Eidelstedt setzt sich zu uns. Er ist Maurer, Hobbyfotograf und seit zwei Monaten „alkoholfrei“, wie er es nennt. Hans-Jürgen referiert über Mindestlohn, Industriekameras, Wärmedämmungen für Altbauten und die unumgängliche Umwandlung der Reeperbahn in eine Fußgängerzone. Dann nimmt er seine Zigaretten, tippt sich an die Mütze und geht: „Tschüs, Jungs! Wünsch euch was.“ Weg ist er.
Gegen 3 Uhr wird es leer in der „Ritze“. Feierabend in Sicht. Irgendjemand hat schon wieder das „Ritzelied“ angestellt. Die vorletzte Strophe: „In Hamburg auf St. Pauli, da ist das Eingangstor. Dahinter fängt das Leben an und manchmal auch davor.“