Hamburgs Ex-Justizsenator Roger Kusch hilft Menschen beim Selbstmord. Johann Friedrich Spittler (66) unterstützt ihn dabei. Der Gutachter, Uni-Dozent, Neurologe und Psychiater aus Datteln (NRW) beurteilt, ob die Sterbewilligen psychisch gesund sind. "Die Zahl der Gutachten nimmt zu", sagt er. Vier Mal gab Spittler bereits grünes Licht, vier mal besorgte Kusch das tödliche Gift. Vier Menschen starben.
MOPO: Wieso maßen Sie sich an, über Leben und Tod zu entscheiden?
Spittler: So ist das nicht. Menschen wenden sich an Kusch und wollen Hilfe. Ich schaue, ob diese Menschen frei von psychischen Krankheiten sind. Ich maße mir da nichts an, ich frage mich nur: Wie kommt das zustande?
MOPO: Aber wenn Sie ,Stopp` sagen, dann macht Herr Kusch nicht weiter.
Spittler: Und das bedeutet, dass der Mensch zu weiterem Leiden verurteilt ist. Oder er muss vom Hochhaus springen. Beides ist für mich nicht menschenwürdig.
MOPO: Woher wissen Sie denn, dass jemand "bei Trost" ist?
Spittler: Wenn ich ein Gutachten zur Berufsunfähigkeit mache, ist die Frage, ob eine psychische Fehlhaltung mit zumutbarer Willensanstrengung überwindbar ist. Das ist ein sachlicher Vorgang mit klaren fachlichen Spielregeln, genau wie bei Gutachten für Roger Kusch.
MOPO: Kann denn Selbstmord auf freiem Willen beruhen?
Spittler: Man muss differenzieren. Ist ein Mann mit Multipler Sklerose ans Bett gefesselt, ist sein Suizidwunsch nicht freiwillig, da er bei guter Gesundheit nicht den Todeswunsch hätte. Aber er hat trotzdem die Wahl zu sagen: Ich will jetzt sterben oder weiter leiden.
MOPO: Max Steinbaur hatte Angst vor dem Rollstuhl. Ihm fehlte aber nicht der Lebenswille. Dem muss man doch anders als mit Gift helfen?
Spittler: Sie haben Recht. Aber die Antwort ist extrem bitter. Ich habe auch keine Lust, mich der Pflegesituation auszuliefern. Herr Steinbaur war der Prototyp eines Menschen, der bei recht guter Gesundheit sagt: Was kommt, will ich nicht.
MOPO: Und das unterstützen Sie dann? Sind Sie nicht ein Handlanger des Todes?
Spittler: Wenn jemand so klar ist, dann steht es mir nicht zu, zu sagen: Sieh doch zu, wo du bleibst. Ein Problem für mich war, dass er seine demente Frau im Stich gelassen hat. Da hatte ich moralische Bedenken. Aber leben Sie mal mit einem dementen Menschen zusammen.
MOPO: Muss man dann nicht die Pflege ändern, statt dem Tod zu helfen?
Spittler: Klar. Aber ändern Sie mal die Gesellschaft. Ich bin froh, dass sich Menschen da mit Vehemenz für einsetzen. Aber mir steht es nicht zu, beim Todeswunsch ein Veto einzulegen.
MOPO: Wie fühlten Sie sich nach dem Tod Steinbaurs?
Spittler: Wenn ich überzeugt bin, dass die Entscheidung eines Menschen entschieden ist, dann ist richtig, dass er seinen Weg geht und begleitet wird. Diese Begleitung stelle ich mir zwar anders vor als das, was wir in Deutschland inszenieren müssen. Aber es ist nötig, zu provozieren.
MOPO: Suizid, um die Gesellschaft zu verändern?
Spittler: Nein. Aber wir wollen, dass ärztliche Sterbebegleitung zugelassen wird.
MOPO: Vor einigen Jahren schrieben Sie: ,Es ist mir schwer vorstellbar, das Wunder eines bewussten, atmenden, fühlenden Lebens zu beenden'. Was hat sich verändert?
Spittler: Ich habe in der Klinik mal eine Frau wiederbeatmet, obwohl ich wusste, dass ihr Leben entsetzlich sein wird, wenn sie überlebt. Die war dann bei vollem Verstand komplett gelähmt, konnte nicht reden, nur den Kopf um 30 Grad drehen. Im Altenheim habe ich sie später gefragt, ob sie weiter künstlich ernährt werden will. Sie wollte nicht. Aber niemand half ihr. Sie musste das aushalten, weil alle Angst hatten.
MOPO: Hatten Sie keine Berührungsängste zu Kusch?
Spittler: Ich war befremdet. Aber man kann sich unterhalten und einen Eindruck gewinnen.
MOPO: Und der wäre?
Spittler: Das was er macht, ist nicht ideal. Ich würde mir vorstellen, dass das stiller und intimer abläuft. Aber derzeit ist radikales Handeln gesellschaftlich notwendig.
MOPO: Werden Sie bezahlt?
Spittler: Natürlich. Für ein Rentengutachten bekomme ich ja auch Geld.
MOPO: Und wieviel?
Spittler: Etwas mehr als für ein normales Gutachten. Dafür gibt es rund 1000 Euro.
MOPO: Vor acht Jahren warnten Sie vor "Absahnern, die Profit machen wollen". Wie passt das zusammen?
Spittler: Das bezog sich auf jemand anderes und war durchaus berechtigt. Wir wollen nicht ,absahnen'. Wichtig ist, dass wir Menschen, die kein Geld haben, die Möglichkeit nicht verschließen. Aber für die, die ich über Herrn Kusch kennengelernt, war eine Bezahlung selbstverständlich.
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