Wenn seine Frau morgens vor ihm aus dem Haus geht, setzt sich Jürgen Dierks (* Name geändert) an den Rechner - mit runtergelassener Hose. Wenn seine Frau früh ins Bett geht, bleibt Dierks wach. "Ich spiele noch ein bisschen am Computer", sagt er dann. In Wahrheit spielt er an sich herum. Stundenlang. "Ich bin pornosüchtig", sagt der 41-Jährige. So wie Tausende Hamburger.
Viele meldeten sich, nachdem die MOPO gestern über die neue Droge aus dem Internet berichtet hatte. Forscher vergleichen die Symptome mit Spiel- und Drogensucht, Psychologen kämpfen um die Anerkennung der Pornosucht als Krankheit. Im April findet in Wien der erste deutschsprachige Kongress zum Thema statt.
Auch Dierks vergleicht sich mit einem Alkoholiker. Einmal versuchte er, von den Filmen loszukommen. "Drei Tage habe ich es ausgehalten. Ich tigerte durch die Wohnung, hatte richtigen Druck. Dann musste ich wieder ins Netz. Ich bin krank." Der Bramfelder hat sich bei der MOPO gemeldet, um aufzuklären. "Pornos können gefährlich werden. Die Dunkelziffer der Süchtigen ist groß", sagt Dierks.
Alles fing vor drei Jahren mit einer Internetflatrate an. Ein Freund zeigte ihm Sex-Seiten - für den braven Ehemann öffnete sich ein "unfassbares Universum, das meine Fantasie bei Weitem überflügelt hat". Gleichzeitig war in der Ehe langsam "die Luft raus" - und Dierks genoss die Ablenkung. Zwei bis drei Stunden verbringt er täglich mit Pornos. Ein Teufelskreis: "Wenn ich bis zwei Uhr nachts masturbiere und um sieben Uhr morgens weitermache, habe ich natürlich kein Interesse mehr an meiner Frau." Bis heute weiß sie nichts von seiner Sucht. Alle Spuren löscht er. Nur das schlechte Gewissen wird er nicht los. Depressionen plagen ihn. Hilfe hat er sich aus Scham nicht gesucht. Seinen Rechner in den Müll werfen? Schafft er nicht. "Ich sehe keinen Ausweg."
Schnell, billig, anonym, immer verfügbar: Deshalb ist es so schwer, von Pornos loszukommen. Man stelle sich vor, ein Alkoholiker hätte einen Gratis-Zapfhahn zu Hause - auch er würde nie trocken werden.
Bei Stefan Bartel* scheiterte die Ehe auch an seiner Pornosucht. Anstatt die Probleme im Bett mit seiner Frau zu bereden, stahl sich der 44-Jährige immer öfter in den Keller, während Frau und Kinder schliefen. Bis der Installateur aus einer Kleinstadt im Norden Hamburgs von seiner Frau in flagranti ertappt wurde. "Du betrügst mich", schrie sie ihn an. "Du lässt mir keine Wahl", schrie er zurück.
Heute lebt er allein. "Ich sehe gut aus", sagt der 44-Jährige. Probleme, Frauen zu treffen, habe er keine. Aber die haben Probleme mit seinen Wünschen. "Ich fing an mit Softpornos und landete bei Sadomaso-Kram. Irgendwann wollte ich ein Sexleben wie in den Filmen", sagt er. "Meine Erwartungen kann keine Frau erfüllen. Ich habe den Draht zur Realität verloren."
Selbst wenn er eine Freundin hatte, musste er noch vorm Rechner onanieren. "Sonst habe ich mich gefühlt wie ein Alkoholiker, der seinen Stoff nicht kriegt. Alles kreist um Sex. Es geht nicht ohne." Auch Bartel schafft es nicht, den Rechner rauszuschmeißen.
-------------------------------------------------------
Ab wann bin ich pornosüchtig? Machen Sie den Selbsttest!
Wie viel Porno ist zu viel? Ab wann ist man pornosüchtig? Wenn Sie sich diese Frage stellen, machen Sie den Test mit folgendem Fragebogen. "Wer ein oder zwei Fragen mit Ja beantwortet, braucht mit hoher Wahrscheinlichkeit Hilfe", sagt Theo Baumgärtner von der Landesstelle für Suchtfragen. Derzeit gibt es noch sehr wenig Hilfsangebote. Baumgärtner empfiehlt die Seite www.sextra.de von "Pro Familia". Sie richtet sich zwar primär an Jugendliche, die Berater helfen aber auch Erwachsenen kompetent und anonym.