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Schulreform: Was ist dran an der Kritik?

Schulreform: Was ist dran an der Kritik?

Foto: dpa

Weit mehr als 200000 Hamburger haben bereits ihre Briefwahlunterlagen für den Volksentscheid am 18. Juli bekommen. Bald werden die ersten Kreuze gemacht. Umso erbitterter wird die Diskussion um die Schulreform. Und das oft mit vorgeschobenen Schein-Argumenten. Deshalb nimmt die MOPO hier zentrale Vorurteile zur Schulreform unter die Lupe.



1. Dann lernt mein Kind weniger: Schwache Schüler sind ein Hemmschuh für leistungsstarke Schüler.



Falsch! Die PISA-Siegerländer trennen Schüler frühestens nach acht oder neun Jahren. Das beweist, dass Spitzenleistung möglich ist, ohne Kinder frühzeitig zu separieren. Das bedeutet natürlich nicht automatisch, dass spätes Trennen zu guten Leistungen führt, denn auch bei den PISA-Schlusslichtern wird spät getrennt. Professor Klaus-Jürgen Tillmann von der Uni Bielefeld gibt aber zu bedenken: "Sehr gute fachliche Leistungen hat es bisher nur in integrierten Schulsystemen gegeben, die die Kinder später trennen." Zudem schneidet Berlin bei PISA (2006) in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften besser ab als Hamburg ­ trotz sechsjähriger Grundschule. Nötig für den Erfolg sind aber kleine Klassen und gut fortgebildete Lehrer, die auf unterschiedlich begabte Schüler individuell eingehen.



2. Das Niveau sinkt: Hier wird der Grundstein für eine Einheitsschule gelegt, die Elitenbildung verhindert.



Falsch! Gerade für eine (Fach)- Elitenbildung ist eine Schulreform dringend nötig. Bisher werden viele Begabungen verschenkt. Die soziale Herkunft entscheidet maßgeblich über den Schulerfolg. Die Potenziale von Kindern kleiner Angestellter, einfacher Arbeiter oder Migranten werden nicht erkannt. Das ist nicht nur aus Gründen der Gerechtigkeit fatal. Deutschland steuert auf einen dramatischen Mangel an Spitzenforschern und Facharbeitern zu. "Eines Tages müssen 60 bis 70 Prozent eines Jahrgangs Abitur machen, um das aufzufangen", sagt Jobst Fiedler. Eltern fürchten heute, ihre Kinder müssten später auf einem knappen Arbeitsmarkt konkurrieren, aber das sei ein Irrtum. Fiedler ist Professor an der Elite-Uni Hertie School of Governance und war zuvor bei Ronald Berger für die Eliten-Rekrutierung zuständig. Heute ist er der Kopf von "Chancen für alle".



3. Hamburg geht mit der Schulreform einen Sonderweg und isoliert sich.



Falsch! Der Trend geht selbst in Deutschland Richtung längeres gemeinsames Lernen. Berlin und Brandenburg haben die sechsjährige Grundschule, das Saarland startet ab 2013 (ein Jahr Kita plus fünf Jahre Grundschule) und auch die SPD in NRW will zehn Jahre gemeinsames Lernen durchsetzen. International betrachtet sind Deutschland und Österreich mit der frühen Trennung der Kinder nach Klasse vier völlig isoliert. Selbst die Schweiz geht längst einen anderen Weg. Und die PISA-Siegerländer trennen die Kinder erst nach acht oder neun Jahren.



4. Hamburgs Gymnasien sind top und müssen nicht reformiert werden.



Falsch! Bei der PISA-Studie 2006 landeten die Hamburger Gymnasiasten bei der Lesekompetenz auf dem drittletzten Platz. Zudem gibt es gefährlich viele Risiko-Schüler. Und selbst die leistungsstärksten fünf Prozent der Gymnasial-Schüler landen im bundesweiten Vergleich der besten Schüler mit ihren Leistungen nur auf Platz acht. In Sachen Mathematik lag Hamburg neben Bremen und Niedersachsen auf den letzten Plätzen. Zudem müssen jedes Jahr rund 900 Kinder in den Klassen 5 bis 10 die Gymnasien wegen zu schlechter Noten verlassen. Ganz zu schweigen von den Sitzenbleibern.



6. Es gibt in Zukunft nur noch ein Pseudo-Elternwahlrecht.



Falsch! Eltern haben weiterhin die Freiheit, die weiterführende Schule für ihr Kind zu wählen. Allerdings wird schon nach einem Jahr ­ am Ende von Klasse sieben ­ nach fachlichen Kriterien entschieden, welches Kind auf dem Gymnasium bleiben darf und welches auf eine Stadtteilschule wechseln muss. Im alten System gab es diesen Einschnitt nicht nach Klasse sieben, sondern nach Klasse sechs. Der Vorteil war, dass die Lehrer die Schüler zwei Jahre lang in den Klassen fünf und sechs unterrichteten, bevor eine Entscheidung über ihre Zukunft fiel. Zudem ist nun die Zeit für den Schulwechsel äußerst knapp, wenn erst am Ende der Klasse 7 klar ist, ob der Schüler die Schule verlassen muss.

7. Die Primarschule führt in einen dauerhaften Schulkrieg.



Falsch! Noch nie zuvor gab es eine Entscheidung, mit so großer politischer Unterstützung. Alle Parteien der Bürgerschaft haben sich dem Schulkompromiss angeschlossen. Sie verständigten sich auf einen zehn Jahre dauernden Schulfrieden. Zudem stehen Verbände und Organisationen hinter der Reform, etwa die größte Lehrergewerkschaft GEW, zudem Ver.di, die schulischen Kammern und auch die Handwerkskammer.



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Datum:  31.5.2010
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