Nach ihrem Oscar-Gewinn für "Nirgendwo in Afrika" (2001) dauerte es nicht lange, bis Hollywood an Caroline Links Tür klopfte. Einige Projekte weckten zwar das Interesse der Regisseurin, scheiterten dann aber nicht zuletzt an schwierigen Schauspielerverhandlungen. Auch ihr neues Werk, dem ein Roman von Scott Campbell zugrunde liegt, sollte ursprünglich in den USA entstehen. Wieder gab es Probleme mit der Besetzung. Ohne einen Top-Star in der Hauptrolle wollte niemand Geld locker machen. Irgendwann war Link die Querelen leid - und drehte ihr Familiendrama in Deutschland, wo sich die Finanzierung als einfacher erwies. Geschadet hat's sicher nicht.
Im Mittelpunkt der Handlung steht die 22-jährige Lilli (Karoline Herfurth). Wie ihre Eltern Eliane (Corinna Harfouch) und Thomas (Hanns Zischler) hat die begabte Münchner Tanzstudentin den fast ein Jahr zurückliegenden Freitod ihres Bruders Alex noch längst nicht verarbeitet. Als ihre Mutter bei dem Maler Max Hollander (Josef Bierbichler) ein Porträt ihrer beiden Kinder in Auftrag gibt und ihm dafür Fotos und Videos von ihrem Sohn zur Verfügung stellt, reagiert die nach außen hin kratzbürstige Lilli wenig begeistert. Sie findet Elianes Plan, ihren toten Bruder "als Dekoration" an die Wand zu hängen, ziemlich idiotisch. Trotzdem erklärt sie sich bereit, dem Künstler ein paar Mal Modell zu sitzen. Um sich ein besseres Bild von der jungen Frau und ihrem Bruder machen zu können, will Max mehr über das geschwisterliche Verhältnis erfahren. Langsam entwickelt sich zwischen dem Maler und seinem Modell eine vertrauliche Beziehung - und Lilli beginnt, sich ihrer Trauer und ihren Schuldgefühlen zu stellen.
Caroline Link, die auch das Drehbuch schrieb, erzählt keine Geschichte im klassischen Sinn. Mit meist sicherem Gespür für Atmosphäre und Stimmungen richtet sie ihr Augenmerk vor allem auf den Prozess der Trauerbewältigung in Lillis Familie, hinter deren intakter Fassade schon vor Alex' Selbstmord Konflikte schwelten. Der Künstler Max, in dessen Leben persönliche Verluste ebenfalls tiefe Spuren hinterlassen haben, die er Lilli bei ihren Treffen nach und nach offenbart, fungiert bei diesem Prozess als Katalysator.
Die Regisseurin kann sich dabei voll und ganz auf ihre beiden hervorragenden Hauptdarsteller verlassen, von deren emotionsgeladenem Spiel ihr Film hauptsächlich lebt. Als ebenso verletztliche wie willensstarke junge Wilde zieht Karoline Herfurth alle Register ihres nicht unbeträchtlichen Könnens und den Zuschauer in den Bann. Dem steht Josef Bierbichler kaum nach, obwohl er ziemlich zurückgenommen agiert - bei ihm eher die Ausnahme als die Regel. Absolut überzeugend aber auch Corinna Harfouch als dominante Mutter, die den Selbstmord ihres Sohnes partout als Unfall verstanden wissen will, und Hanns Zischler als ehrgeiziger Vater, der sich in der Krise in seine Arbeit als Wissenschaftler und in eine Affäre gestürzt hat.
Fazit: Wäre schön, wenn man nicht wieder sieben Jahre auf einen neuen Caroline-Link-Film warten müsste.