Ziemlich genau vor einem Jahr ist die berühmte Ex-Hure Domenica gestorben, nun trauert St. Pauli um ein weiteres Original: Der Kiez-Maler Erwin Ross ist tot. Der Rubens von der Reeperbahn starb am Freitag im Krankenhaus Altona - am gleichen Tag und Ort wie ein Jahr zuvor Domenica. Erwin Ross wurde 83 Jahre alt.
Selbst wer seinen Namen nie gehört hat - seine Bilder kennt man. Die gespreizten Frauenbeine am Eingang der Kiez-Kneipe "Zur Ritze". Die Straps-Damen, die auf den Türen der Reeperbahn-Etablissements um Männer werben. Das Skyline-Bühnenbild im "Star Club", vor dem die Beatles groß wurden. Alles Werke von Erwin Ross. Er gab der Meile ein Gesicht.
Eigentlich ist er ja gelernter Autoschlosser, aber in englischer Kriegsgefangenschaft entdeckt der junge Erwin sein Zeichentalent. 1950 wird er Plakatmaler bei der Konsum-Genossenschaft in Eberswalde (Brandenburg). Doch weil er neben Lenin und Stalin gern auch Bilder von kurvigen Damen malt, ist er den Sozialisten bald ein Dort im Auge. 1955 geht er als Hafenarbeiter nach Hamburg, ein Jahr später macht er seine erste Galerie in der Großen Freiheit auf St. Pauli auf.
Bühnendekorationen für die Bordelle und Varietés hat Erwin Ross gestaltet, er malte auch Plakate und und Werbetafeln. Gern mit vollbusigen Damen. "Man kann schließlich keine Landschaft auf die Fassade pinseln, wenn drinnen ©ne Sex-Show läuft", sagte er mal. Etiketten von Astra-Bier hat er auch gestaltet, Kiez-Promis wie Jan Fedder und Domenica gemalt und das Schlagzeug der "Beatles" mit ihrem Schriftzug verschönert.
Offiziell war er im Ruhestand, trotzdem arbeitete er noch in seinem kleinen Atelier im St.-Pauli-Museum (Hein-Hoyer-Straße). "Ich leg' erst den Pinsel hin, wenn ich mal den Löffel abgebe", hat er immer gesagt. Zuletzt wohnte er in Osdorf, wo er sich mit der Familie seines Sohnes ein Haus teilte.
Gesundheitlich ging es ihm zunehmends schlechter. 2006 bekam er drei Bypässe, 2007 wurde er von einem Rettungswagen angefahren. Seit vier Wochen lag er im Krankenhaus. Er starb an einer Infektion, die sich im Körper verteilt hatte. Sein Sohn Jürgen will weiterhin die Homepage seiner Galerie betreiben (www.erwinross.com), außerdem plant er ein kleines Museum mit den Bildern seines Vaters.
Der Rubens von der Reeperbahn hat St. Pauli zwar für immer verlassen - aber der Kiez wird weiter sein Gesicht haben.