Um kurz vor Mitternacht rückte die Garde der Tapfersten an. Piotr Trochowski, Robert Tesche und Tunay Torun ließen es sich nicht nehmen, auf dem Weg zum Mannschaftsbus vor einem Fernseher stehen zu bleiben. Inmitten der Presseschar und zahlreicher Bediensteter des VfL Osnabrück ließen sie die Ausschnitte des Pokal-Scheiterns über sich ergehen, ehe sie weiterstapften. "St. Pauli, St. Pauli" hallte es ihnen dann vor dem Bus entgegen, die VfL-Fans hatten kein Erbarmen. Bonjour, tristesse. Das Frühjahr, traditionell die Jahreszeit, in der der HSV alles verspielt, hält diesmal schon im Herbst Einzug.
Katerstimmung in Hamburg. Ausgerechnet vor dem Liga-Gipfel gegen den FC Bayern, der Gala, nach der alle lechzen. Wie soll das morgen nur gut gehen? "Wenn wir so spielen wie in Osnabrück, bekommen wir fünf Stück", ließ Mladen Petric verlauten.
Erklärungen sind gefragt. Warum läuft es nicht mehr? 0:3 in Wien, 1:1 in Frankfurt, nun die 5:7-Pleite in Osnabrück. Ein klarer Abwärtstrend. Aber warum? "Uns fehlen die frühen Tore, denn dadurch haben wir stets mehr Räume bekommen", meint Piotr Trochowski. "Wir haben in den Wochen zuvor etwas mehr für die Defensive gearbeitet", erklärt Bruno Labbadia. Und Joris Mathijsen stellt klar: "Wir waren motiviert - aber nicht konzentriert genug."
Hinter allem steckt mehr als ein Funken Wahrheit. Der größte Widersacher der Hamburger aber könnte einmal mehr ihre größte Schwäche sein - die Selbstgefälligkeit. Statt nach dem 3:2 entschlossen auf die Entscheidung zu drängen, verstrickten sich die Profis in selbstverliebte und nutzlose Ballstaffetten im Mittelfeld. "Dabei war Osnabrück doch mausetot", jammerte Mathijsen.
Nun die Bayern. Der Top-Favorit der Liga beim schwächelnden Tabellenführer. Natürlich regiert der Trotz, wie sollte es anders sein? "Ich bin zuversichtlich, weil wir in den Wochen zuvor ja gezeigt haben, dass wir ganz anders spielen können", so Petric, mit acht Pflichtspieltreffern bester Hamburger Saisonschütze. "Aber natürlich ist die Stimmung bei uns jetzt erst mal schlecht."
Bernd Hoffmann mag sich noch nicht damit abfinden, dass der schlimme Trend der vergangenen acht Tage nun auch in die Bundesliga transportiert wird. "Wir gehen das Spiel gegen die Bayern selbstbewusst und von Platz eins aus an - als Spitzenreiter", erklärte der Klubboss. Hoffentlich kommt es so. Nimmt man die aktuelle Stimmungslage als Maßstab, ist der HSV zurzeit gefühlter Tabellen-Zwölfter.