Was ist los in dieser Stadt? Immer mehr Kinder bekommen nicht genug zu essen und sind auf Armenspeisungen angewiesen. Eltern können das Essensgeld in der Kita nicht aufbringen und melden ihre Kinder ab. Grundschulen suchen händeringend nach Sponsoren, weil Familien die warme Mahlzeit am Mittag nicht mehr bezahlen können.
Jeden Morgen vor der Schule holt sich Doreen (8) im "Löwenhaus" mit knurrendem Magen ein Früstückspaket mit einem Käsebrot und einen Apfel. Noch vor dem ersten Klingeln hat sie alles aufgegessen. Geld braucht sie nicht, die Mahlzeit wird von der Harburger Tafel gesponsert. Mittags isst das kleine Mädchen in der Ganztagsschule Maretstraße. Was sie nicht weiß: Eigentlich müsste sie hungernd danebensitzen. Denn ihre Mutter hat seit Monaten das Essensgeld nicht mehr bezahlt. "Immer mehr Eltern zahlen nicht, wir haben große Außenstände", sagt Hermann Krüger, Leiter der Schule Bunatwiete/Maretstraße.
Dabei ist der Mittagstisch in der Schule in Harburg nicht teuer, 16,50 Euro monatlich müssen sozial schwache Familien pro Kind aufbringen. "Was soll ich machen? Ich kann doch kein Kind vom Essen ausschließen, nur weil die Eltern wenig Geld haben und mit diesem wenigen nicht umgehen können", so Krüger. "Dann würden die Kinder gar keine warme Mahlzeit bekommen." Händeringend sucht die Schule nun nach einem Sponsor, der das Mittagessen für diese immer hungrigen Schüler finanziert.
"Armut ist das größte Problem unserer Familien auf St. Pauli", sagt Gerald Pump-Berthé, Leiter der Ganztagsschule St. Pauli. "Auch bei uns konnten immer mehr Familien das Essensgeld nicht mehr bezahlen." Nach langem Suchen fand die Schule mehrere Sponsoren. "Seitdem bekommt die Hälfte der Kinder vergünstigtes Essen für neun Euro im Monat." In diesem Jahr werde es erstmals klappen, dass alle Eltern das Essensgeld bezahlen.
Auch Pump-Berthé weiß, dass es nicht die Armut allein ist, "die Eltern geben das Geld natürlich auch falsch aus". Etwa für teures Fertigessen oder teure Saftgetränke für die Kinder. Aber es gebe auch Notfälle: "Wir hatten eine Mutter, deren Mann war abgehauen. Und da das Hartz-IV-Geld für die Kinder auf sein Konto ging, lebte sie mit ihnen erst mal nur von ihrer Unterstützung."
Dass Kinder zu Hause nichts zu essen bekommen, merken auch Einrichtungen wie die "Arche" in Jenfeld und das "Löwenhaus" in Harburg. "Bei uns essen mittags rund 70 Kinder", so Pastor Thies Hagge von der "Arche". "Viele Familien können von ihrem Arbeitslosengeld das Essensgeld für Kita und Schule nicht aufbringen." Hagge fordert: "Kinder müssen in Kita und Schule kostenloses Essen bekommen."
Auch der Landeselternausschuss (LEA) der Kitas fordert, dass etwas passiert. "Seit das Essensgeld von 13 Euro eingeführt wurde, haben in den Brennpunkten ein Viertel der Eltern ihre Kinder vom Kita-Essen abgemeldet", so Peter Albrecht vom LEA. Daher müsste als erster Schritt das Essensgeld für Härtefälle und Geschwisterkinder reduziert werden. Doch bei der Sozialbehörde wird das anders gesehen. "13 Euro Essensgeld monatlich sind 60 Cent für eine vollwertige warme Mahlzeit", so Sprecherin Jasmin Eisenhut. "So günstig kann kaum jemand seinem Kind zu Hause ein Essen kochen." Pastor Hagge kontert: "Wo auch immer das Problem liegt, man kann es doch nicht auf dem Rücken von hungernden Kindern austragen."