Es war die hässlichste Szene der Vorsaison. Mit Abstand. Ohne Rücksicht auf Verluste, den rechten Fuß voraus, sprang Tim Wiese in Ivica Olic hinein. Um Haaresbreite verfehlte Werders Keeper das Gesicht des Hamburger Angreifers, rasierte ihm "nur" die linke Schulter. Ein Schrei der Empörung ging am 7. Mai durch die Republik, "damit aber muss nun Schluss sein" - fordert ausgerechnet Olic. Vor dem erneuten Aufeinandertreffen am Sonntag versucht "Ivi" alles, Dampf aus der Nummer zu nehmen. "Ich habe Wiese verziehen", erklärt der 28-Jährige ein halbes Jahr nach der fiesen Attacke.
Sie haben sich ausgesprochen. Kürzlich gab es ein privates Treffen, "seitdem", versichert der Kroate, "ist das für mich Geschichte". Die Angst seiner Frau Natalie ("Ich hatte den Eindruck, das ist kein Fußballplatz, sondern ein Schlachtfeld"). Seine ohnmächtige Wut ("Glück für mich, dass er meine Halsschlagader nicht getroffen hat - wie kann einer so reingehen?"). Die Schmerzen an der Schulter, die ihn noch wochenlang peinigten. Und den Zorn seines Sohnes. "Luca hat zu mir gesagt: Wenn ich groß bin, werde ich diesen Torwart verprügeln", verrät Natalie Olic.
Vergessen. Die Anzeige eines Fans, der Wiese wegen Körperverletzung vor den Kadi zerren wollte, wurde längst abgewiesen. Und Olic ist bemüht, Wiese einen vernünftigen Empfang in Hamburg zu bereiten. "Natürlich kann ich nicht sagen, dass man ihm applaudieren soll, er ist unser Gegner", meint "Ivi". "Aber es würde mich freuen, wenn unsere Fans vor allem uns unterstützen - ein Sieg ist das Wichtigste."
Allzu oft sollte sich Olic die Bilder von damals aber nicht mehr reinziehen. "Wenn man das sieht, schaut das noch immer sehr brutal aus", weiß er. "Aber, was soll's, ich bin Tim nicht mehr böse." Wetten, dass ein Treffer gegen Wiese trotz allem besonders süß schmecken dürfte?