In jedem Billigflieger hätte man mehr Beinfreiheit gehabt als am Dienstagabend im Literaturhaus. So dicht gedrängt saßen die Zuhörer, als Martin Walser (82) aus seinen Tagebüchern vorlas - und dabei pikante Details preisgab.
"Nachträglich ist jeder Roman ein Memorial der Zeit, in der er geschrieben wurde", so Walser. "Dem habe ich auch für das Tagebuch nichts hinzuzufügen." Der jüngst erschiene Band "Leben und Schreiben. Tagebücher 1974-1978" ist ein besonders interessantes Dokument - aus der Zeit von RAF und hitzigen Polit-Debatten. Walser wurde damals als "DKP-Sympathisant" beschimpft. Mal nachträglich belustigt, mal mit frischem Zorn erinnerte Walser vorlesend daran.
Besonder emotional wurde es in den langen Passagen, die sich mit dem berüchtigten Verriss von Walsers Roman "Jenseits der Liebe" (1976) durch Marcel Reich-Ranicki beschäftigen. Im Tagebuch formulierte er einen Brief an den Kritiker: "Ich sage Ihnen also, dass ich Ihnen (...) ins Gesicht schlagen werde. Mit der flachen Hand übrigens, weil ich Ihretwegen keine Faust mache." Den Brief hat er nie verschickt. Und "MRR", wie Walser seinen Erzfeind abzukürzen pflegt, blieb letztlich verschont: "Meine Hand eignet sich gar nicht zum Ohrfeigen", scherzte er. "Sondern zum Schreiben!
(rön)
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