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OBERLANDESGERICHT

Erika Andreß ist die erste Präsidentin seit 125 Jahren

Sie ist Hamburgs oberste Richterin, die erste Frau, die das Präsidentenbüro des Hanseatischen Oberlandesgerichts bezieht. Heute wird Erika Andreß (53) offiziell in ihr Amt eingeführt. Ihr Weg an die Spitze der Hamburger Richterschaft begann in Aurich, in einer kinderreichen Angestelltenfamilie. Die MOPO sprach mit Erika Andreß über ihre ungewöhnliche Karriere.



Wenn Erika Andreß an ihrem Schreibtisch sitzt, ist sie von würdig blickenden, älteren Herren umgeben. Ihre Amtsvorgänger, deren Porträts die holzgetäfelten Wände zieren. Ist sie stolz, die erste Präsidentin in der 125-jährigen Geschichte des Oberlandesgerichts (OLG) zu sein? Da muss Erika Andreß lachen: "Es wurde Zeit, aber stolz? Nö. Ist ja keine Leistung, eine Frau zu sein."



Eine typische Antwort. Nüchtern ist sie und total uneitel. Die langen Haare schnell mit einer Spange im Nacken zusammengefasst, kein Make-up, schlichter Blazer. Das plötzliche Medieninteresse an ihrer Person findet sie nicht so toll, und wer sie nach ihrem Leben befragt, bekommt erst mal den Lebenslauf heruntergerattert: mittlere Reife, Ausbildung, Abendgymnasium, Jurastudium, Richterin.



Man könnte sie auf den ersten Blick für spröde halten, täte ihr damit aber sehr unrecht. Denn wenn Erika Andreß über ihren Beruf spricht, merkt man: Sie ist mit Herz und Seele Richterin. Sie mag Menschen, ist neugierig, mischt sich gern ein. Die Schicksale, über die sie zu richten hat, lassen sie nicht kalt: "Viele Geschichten arbeiten in einem weiter, auch nach dem Urteil."



Anders als viele Juristen stammt die OLG-Präsidentin nicht aus einer Richterdynastie. Als zweitälteste Tochter von sieben Kindern eines Justizangestellten und einer Hausfrau kommt sie zur Welt, in Ostfriesland. Die Eltern legen Wert auf eine gute Ausbildung für ihre Kinder, also wird Tochter Erika Rechtsanwaltsgehilfin.



Mit 22 Jahren beginnt sie, das Abitur nachzuholen. Das Abendgymnasium in Bremen frisst die gesamte Freizeit - und ist gleichzeitig das größte Glück der begabten jungen Frau: "Lernen, das war eine Befreiung. Das war der Weg, den ich selbst gewählt hatte." Das Jurastudium an der Uni Hamburg absolviert sie mit so guten Noten, dass die Stadt ihr 1989 eine Stelle als Richterin anbietet. 2000 wird sie Direktorin des Amtsgerichts Harburg, drei Jahre später Vizepräsidentin des OLG. Im Juli 2007 wählt der Richterwahlausschuss sie zur OLG-Präsidentin. Mit Kindern, sagt sie ohne Bedauern, hätte sie diese Karriere nicht gemacht: "Als Mutter hätte ich die Familie in den Vordergrund gestellt."



So gern Erika Andreß über das Richteramt spricht ("Richter sollten aus allen gesellschaftlichen Schichten kommen"), so ungern lässt sie sich private Details entlocken. Verheiratet ist sie, hat vier Brüder ("praktisch bei Umzügen"), radelt gern durch die Elbtalauen und liebt die englischen Klassiker des 18. und 19. Jahrhunderts. Ende der Fragestunde. Erika Andreß ist sichtlich erleichtert: "Lieber drei Verhandlungen als ein Interview."

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Datum:  10.10.2007
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