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NOTSTAND IN STEILSHOOP

Hilfe! Wir brauchen einen Kinderarzt

Steilshoop ist einer der kinderreichsten Stadtteile Hamburgs. Trotz des trüben Wetters sieht man die Kleinen in diesen Tagen auf den Spielplätzen oder vor den Hauseingängen spielen. Doch wehe sie fangen sich dabei eine Grippe ein! Dann stehen die 3800 Kids des sozial ohnehin schwierigen Viertels vor einem Problem: Es gibt keinen Kinderarzt mehr. Der letzte hat vor knapp vier Wochen seine Türen geschlossen. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht.



"Wir leben hier im Ghetto, aber wir haben auch ein Recht auf ärztliche Versorgung!", schimpft Ayhan Güzel (32). Sein Sohn Emirkaan (5) hatte kürzlich eine Murmel verschluckt und klagte über schreckliches Bauchweh. Weil Güzel nicht wusste, wohin so schnell, brachte er den Kleinen zum Allgemeinmediziner. "Da war das Wartezimmer voller Eltern mit Kindern, weil alle das gleiche Problem haben."



Ein Problem, das direkt mit dem sozialen Hintergrund Steilshoops zusammenhängt. Auf der Suche nach lukrativen Privatpatienten zieht es immer mehr Ärzte in besser situierte Viertel. Dort gibt es mehr Geld, mehr Kollegen und dadurch weniger Arbeit. Laut Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte wirft eine Praxis in armen Vierteln 40 Prozent weniger ab als in reichen. Und so müssen ausgerechnet die Kinder auf eine ärztliche Betreuung verzichten, die statistisch am häufigsten krank sind.



Die Kassenärztliche Vereinigung (KV), zuständig dafür, dass eine medizinische Versorgung in Hamburg gewährleistet ist, will das Problem nicht anerkennen. "Hamburg wird bei der Bedarfsplanung nicht nach Stadtvierteln aufgeteilt, sondern gilt als ein Bezirk. In diesem Bezirk insgesamt gibt es genügend Kinderärzte", sagt der Vize-Vorstandsvorsitzende Walter Plassmann. "Ich begreife nicht, warum man nicht zwei Stationen mit der U-Bahn fahren kann, um zu einem Arzt zu kommen." Auf dem Land müssten die Leute doch auch fahren.



Worte, die für Ramona Hackbarth wie Hohn klingen. "In Steilshoop gibt es überhaupt keine U-Bahn", so die 26-Jährige. Als ihr Sohn Can Luca (1) vor zwei Wochen eine Bronchitis und hohes Fieber bekam, rief sie zunächst Praxen im nahen Bramfeld und Barmbek an. "Überall herrscht Aufnahmestopp, weil alle aus Steilshoop da hingehen", sagt Hackbarth. Da sie kein Auto habe und kein Geld fürs Taxi, habe ein Nachbar sie ins Kinderkrankenhaus Wilhelmstift gefahren. "Dort sagte man uns, wir müssten mit einer Wartezeit von drei bis vier Stunden rechnen!"



Schließlich fuhren sie zur Notfallpraxis nach Farmsen. Doch auch das ersparte ihnen nicht den schwierigen Weg zum Kinderarzt am nächsten Tag. Ein Weg, der mit Bus und Bahn eine Stunde pro Richtung dauert. Ein Weg, der ein Mal umsteigen bei eisiger Kälte bedeutet - an einem Bahnhof ohne Rolltreppen. "Und das alles mit einem kranken Kind!", klagt Hackbarth.



Weder die KV noch Ärztekammerpräsident Dr. Frank Ulrich Montgomery sehen eine Lösung: "Man müsste Anreize schaffen, damit Ärzte in Problemviertel ziehen." Doch eine unterschiedliche Honorierung je nach Stadtteil sei gesetzlich nicht möglich. "Dafür müsste das System komplett umgebaut werden."

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Datum:  28.1.2009
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