Verrückt. Extrem. Dubios. Krass. Absurd. Unglaublich. Es sind diese Worte, die Johannes Polgar (30) und Florian Spalteholz (31) über die Lippen der sonnengebräunten und wettergegerbten Gesichter kommen, wenn sie über ihre jüngsten Test-Regatten im olympischen Segelrevier berichten. Was die beiden Hamburger im Gelben Meer vor der Acht-Millionen-Metropole Qingdao erlebt haben, würden sie selbst für Schauermärchen halten, wenn sie es nicht mit eigenen Augen gesehen, mit eigener Nase gerochen hätten.
Algenplage, Kadaver im Wasser, Flaute, Hitze, Platzregen, Nebel - kurzum: Der Schauplatz der olympischen Segelwettbewerbe 600 km südöstlich von Peking ist ein echtes Horror-Revier.
Einschüchtern lassen haben sich die beiden Tornado-Segler davon nicht. Ganz im Gegenteil! "Wir sind echt euphorisch, haben richtig Lust auf die olympischen Wettfahrten", bekennt Steuermann Polgar, der wie Vorschoter Spalteholz derzeit eine Woche in heimischen Gefilden genießt, bevor beide Freitag wieder nach China fliegen, wo sie ab 15. August auf Medaillenjagd gehen.
Horror hin oder her - das Revier scheint "Jojo" und "Flo" zu liegen. "Bei extremen Bedingungen waren wir immer gut", sagt Polgar selbstbewusst. "Wir freuen uns auf das Revier, einige Konkurrenten überhaupt nicht - das ist ein Vorteil für uns", frohlockt Spalteholz. Es sei auch eine Einstellungssache. "Wer rumjammert, der wird dort mental einknicken, der sollte lieber gleich zu Hause bleiben", so Polgar.
Die vor einer Woche beendeten Testregatten waren nichts für schwache Nerven. Das lag vor allem an der Algenplage, die ein Drittel des Segelreviers befallen hatte. "Das war krass. Zwei Boote sind mit 20 Knoten (37 km/h, d. Red.) in dicke Algenteppiche geheizt und haben sich überschlagen", erzählt Polgar. In den Algen habe sich Unrat gesammelt. "Auch tote Hunde. Es hat bestialisch gestunken."
Die einzigartige Säuberungsaktion haben die beiden Segelfreaks, die zum TEAM HAMBURG BEIJING gehören, ebenfalls miterlebt. "Da sind auf einmal 2000 Dschunken aufs Meer gefahren, mit über 120000 Menschen drauf, die teilweise per Hand und zu Kommandos von Trillerpfeifen eine Million Tonnen Algen aus dem Wasser geholt haben", so Polgar. Zwei kilometerlange Unterwasserzäune wurden installiert, die das Revier jetzt schützen sollen. "Wahnsinn, was sich da abspielt! Aber wir sehen das Ganze auch als Abenteuer."
Das Abenteuer der Sonnyboys könnte durchaus von olympischem Edelmetall gekrönt werden. Am letzten Tag der Testfahrten fuhr das Duo mit seinem 27000 Euro teuren Hightech-Boot zwei Siege ein. "Das hat uns gezeigt, dass eine Medaille möglich ist."
Jedes Kilo zählt bei den aufgrund der starken Luftverschmutzung nur leichten Winden vor Qingdao. Vorteil Polgar/Spalteholz. Beide haben abgenommen, bringen zusammen aktuell nur noch 137 Kilo auf die Waage. Je leichter, desto schneller. Für ihren olympischen Traum verzichten sie gerne auf Süßes und Fettiges.
Diese Spiele sind die erste und zugleich letzte Chance für Hamburgs Tornado-Duo. Ihre Bootsklasse wird aus dem Olympiaprogramm gestrichen. "Wir haben also die Chance, eine historische Medaille zu gewinnen", sind sich "Jojo" und "Flo" der einmaligen Gelegenheit im vielleicht schwierigsten Revier der Olympia-Geschichte bewusst.