Bargteheide am Morgen. Mister X hat auf dem Parkplatz von Lidl Stellung bezogen. Gegen zehn Uhr taucht ein weißer Lieferwagen auf. Er hält direkt neben den Mülltonnen - dort, wo die Angestellten die vergammelte, schimmelige und abgelaufene Ware entsorgen. Der Fahrer des Wagens, steigt aus und schreitet wie selbstverständlich die Mülltonnen ab. Deckel auf, Deckel zu. Schließlich angelt er einen Kohlkopf aus dem Unrat. Der Mann heißt Hans-Jürgen D. (62).
Am Tag danach zur selben Zeit vor dem Famila-Markt in Bargteheide. Dieselbe Prozedur. Diesmal macht Hans-Jürgen D. besonders reiche Beute: Er greift sich drei Stiegen fauliges Obst, die auf den Mülltonnen stehen, und fährt davon. Wohin? Zu seiner Bäckerei ins benachbarte Hammoor!
Was hinter den Türen der Backstube vor sich gehen soll, verschlägt einem die Sprache. Rolf Rabe (36), seit eineinhalb Jahren Angestellter, packt aus: "Faulige Äpfel und Birnen werden zu Obstschnitten verarbeitet. Aus verfaulten Orangen macht er Marmelade. Und für den Brotteig verwendet er Mehl, das schon seit Jahren abgelaufen ist." Kurz gesagt: "Alles, was bei uns aus dem Ofen kommt, ist bereits verfault."
"Der besondere Bäcker", so wirbt D. auf Straßenschildern für seinen Laden. Besonders ist der Laden auch - besonders eklig! Seine Ware verkauft er in seinem eigenen Geschäft, er beliefert damit aber auch ein Café in Bargteheide und einen Straßenverkaufsstand in Ahrensburg. Den ahnungslosen Kunden wird sich jetzt der Magen umdrehen.
Mister X und Kollegen des RTL-Magazins "Explosiv" stellen Hans-Jürgen D. zur Rede. Und der Bäckermeister hindert die Journalisten nicht daran, den Betrieb zu besichtigen. Die Backstube: Mancher Schweinestall ist sauberer. Der Gärraum für den Teig: mit Schimmelpilz überwuchert. Die Maschinen, Regale, Backformen: verkrustet vor Dreck.
Beim Blick auf die "Rohstoffe" und die Ware im Lager macht sich endgültig Fassungslosigkeit breit: Alles aus Mülltonnen zusammengesucht! Mister X stößt auf Brottrunk. Das Haltbarkeitsdatum ist seit 1990 (!) überschritten. Das Mehl ist schon seit 2004 abgelaufen, Puddingpulver seit 2002. Und dann die Gläser mit Heringshappen. Mindesthaltbarkeitsdatum: September 2005.
Auch auf jede Menge abgelaufene Tütensuppen stoßen die Journalisten. "Daraus", erzählt Rolf Rabe, "rührt er die Suppen an, die er im Laden als Mittagstisch verkauft. Und gammelige Würstchen wischt er einfach nur ab und bietet sie als ,Würstchen mit Kartoffelsalat' an." Rabe erzählt, dass er seinen Chef mehrfach aufgefordert habe, frische Produkte zu kaufen. "Dann hat er gemeint: ,Das kostet doch alles Geld.'"
Was sagt Hans-Jürgen D. zu diesen Vorwürfen: "Ein Komplott! Die abgelaufenen Produkte wurden mir untergeschoben!" Als er erfährt, dass er beim Wühlen im Müll beobachtet wurde, fällt ihm was Neues ein: "Ich versorge eine Reihe armer Menschen, die sich schämen, zur ,Tafel' zu gehen." Schließlich gibt er zu, zumindest abgelaufene Schokoladenmasse und vergammelte Ananas noch verarbeitet zu haben. "Das ist doch noch gut", meint er.
Ausreden und Argumente, die Amtsveterinärin Regina Feddersen nicht überzeugen. Alarmiert von Mister X, sucht sie die Ekel-Bäckerei auf. 2,5 Tonnen vergammelte Lebensmittel stellt sie sicher. An den Chef gewandt sagt sie: "Ihr Betrieb ist mit sofortiger Wirkung geschlossen." Und zur MOPO: "So etwas habe ich noch nie gesehen."
Der Ofen: Verkrustet und ewig nicht gereinigt - in diesen Formen hat Hans-Jürgen D. bis zuletzt Brot gebacken
Die Zutaten: Faule Stellen und Schimmel: Obst aus dem Müll lagert in der Backstube
Der Zeuge: Ex-Mitarbeiter Rolf Rabe packt aus
Die Kontrolleure: Dr. Regina Feddersen und Dr. Andreas Hammann waren entsetzt - und schlossen den Laden
Alles abgelaufen: Oben Puddingpulver, rechts ein Brottrunk, der seit 1990 (!) in den Müll gehört
Das Werbeschild (r.) lockte Passanten in die Ekel-Bäckerei "Graf von Hamore"