Der Messerstecher vom Jungfernstieg -bevor er zum Totschläger wurde, beschäftigten sich jede Menge professioneller Stellen mit Elias A. (16). Der "Erfolg": Elias schwänzte weiter die Schule, niemandem fiel auf, dass er seine Lehre nicht angetreten hatte, er verweigerte sich dem Anti-Aggressionstraining, beging Straftaten, die monatelang nicht zu einer Anklage führten. Das ganze Ausmaß des behördlichen Versagens geht aus einer Kleine Anfrage der SPD-Abgeordneten Andreas Dressel und Carola Veit hervor.
- Schleppende Gerichtsverfahren: Im August 2009 begeht Elias ein "Abziehdelikt", seitdem führt die Polizei ihn als "Intensivtäter", führt eine "Gefährderansprache in Gegenwart der Eltern." Den damals 15-Jährigen beeindrucken Worte wenig: Im Oktober 2009 lauert er mit seinem Bruder einem Supermarkt-Chef auf, der ihnen Hausverbot erteilt hatte. Die Jungen verprügeln den Mann. Schnelle Strafe? Fehlanzeige. Obwohl die Staatsanwaltschaft Elias seit Januar 2010 als "Protäkt"-Täter führt, steht auch im Mai 2010 noch kein Termin für eine Gerichtsverhandlung fest. Dabei soll das "Protäkt"-Programm eigentlich sicherstellen, dass jugendliche Intensivtäter besonders schnell die Quittung für ihre Taten bekommen.
- Späte Zusammenarbeit: Erst sieben Monate, nachdem die Polizei Elias als Intensivtäter eingestuft hatte, treffen sich alle zuständigen Stellen Ende März 2010 zu einer Fallkonferenz. Erst da erfährt die Schule, dass Elias bei der Polizei als Intensivtäter gefährt wird. Nach der Fallkonferenz wird die Jugendrichterin aufgefordert, Elias Straftaten vom August und Oktober 2009 "zeitnah" zu verhandeln. Die Richterin verspricht eine "zügige" Terminierung. Zwei Wochen später tötet Elias einen Menschen.
- Unterrichtsbefreiung fürs Nichtstun: Elias wird ab November 2009 vom Unterricht befreit. Er ist 15 Jahre alt und soll ein Praktikum in einem Restaurant absolvieren. Der Chef hat ihm ab Februar 2010 eine Ausbildung zum Koch angeboten. Elias vergeigt die Chance, bricht das Praktikum ab. Die Schule, offenbar froh, den Problemschüler und notorischen Schwänzer los zu sein, erkundigt sich nicht weiter. Erst im März 2010 erfährt die Schule, dass Elias keine Ausbildung macht. Er soll wieder zur Schule gehen, schwänzt wieder. Bußgeldverfahren angedroht.
- Kein Anti-Aggressionstraining angeordnet: Das Training wird dem immer wieder gewalttätigen Elias nur als Angebot unterbreitet, statt es verbindlich anzuordnen. Freiwillig wollte Elias aber an keinem Anti-Aggressionstraining teilnehmen.
- Unterrichtsausschluss als Strafe: Immer wieder wird Elias wegen Gewaltausbrüchen in der Schule vom Unterricht ausgeschlossen -keine schmerzhafte Strafe für einen notorischen Schwänzer.
Der SPD-Innenexperte Andreas Dressel spricht angesichts der Versäumnisse von "Abgründen": "Das ist alles viel zu langsam gelaufen für eine sich so dramatisch entwickelnde kriminelle Karriere. Das Senatskonzept gegen Jugendgewalt hat nicht gegriffen."