Beim Anblick eines riesigen Bettes mit Damastdecken zischt Antonio verächtlich: "Tuntenbarock!" Der Messestand bietet alles für die homosexuelle Wohnung. Antonio findet's scheußlich. Ein Mal Probe liegen auf dem weichen Ungetüm muss trotzdem sein.
Antonio und sein bester Freund Tom, beide 32, testeten für die MOPO die "Schwule Messe", die am Wochenende in Schnelsen stattfand. Laut Eigenwerbung wollten die Veranstalter mit Vorurteilen aufräumen. Doch die Tester sehen gleich: Auf der angeblich klischeebefreiten Messe dreht sich viel um Sex. Eine Wanne ist gefüllt mit knallblauem "Fun-Gel" für "lustvolle und laszive Stunden". "Was das mit Schwulsein zu tun hat, weiß ich nicht", meint Tom und taucht die Hand in den Glibber. "Wer will hier denn Kohle machen?"
Nächster Stand: "GayRouge", "GayBlanc" oder "GayRosé" gefällig? Der schwule Winzer Reinhard Danner reicht den beiden Freunden ein Glas "Gay Wine" (engl.: "Schwulenwein"). "Der schmeckt besonders muskulös!" Das meint Danner todernst. Auf dem Etikett der Flasche ist ein Adoniskörper abgebildet. Marktlücke oder Lachnummer? Der muskulöse Tropfen aus Südbaden schmeckt jedenfalls köstlich.
Mit Vorurteilen geht Drag-Queen Arwen Andersen offensiv um. Hoch erhobenen Hauptes stolziert der Zwei-Meter-Mann in Frauenkleidern, schrillem Make-up und Pumps über die Messe, wirbt für seine Travestie-Show. Unter der Woche ist er Bäcker in einem niedersächsischen 200-Seelen-Dorf. Welchem Job er am Wochenende nachgeht, weiß dort jeder. "Ich bin, wie ich bin, das muss jeder tolerieren", sagt Andersen und wirft das lange Haar zurück.
Doch nicht nur tuntig ging es zu auf Hamburgs erster Schwulen-Messe. Auch Beratungsstellen wie das Magnus-Hirschfeld-Centrum hatten ihre Stände - mit unglamourösen Themen wie Aids und Gewalt gegen Homosexuelle. "Sehr gut", urteilt Tom. "Wir brauchen solche Foren."
Fazit der MOPO-Tester: "Klischeefrei war die Messe nicht. Aber ein Riesenspaß! Vielleicht kommen im nächsten Jahr ein paar mehr Heteros."