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MASSENPREDIGT IN DER AOL-ARENA

Jehovas Aufmarsch

HAMBURG Sie rennen massenhaft in der Stadt herum, haben stets ein Lächeln im Gesicht und eine lila Plakette am Revers. "Befreiung greifbar nahe" steht dort. Die "Zeugen Jehovas" sind los! In der AOL-Arena startet heute ein internationales Treffen ihrer Organisation. Bis Sonntag werden täglich 40000 Anhänger erwartet, die Hälfte aus dem Ausland. Doch es ist nicht alles eitel Sonnenschein bei den Bibeltreuen: Das Ende ist mal wieder nah!



Die "Wahrheit" wurde Peer Menzel (27) in die Wiege gelegt. Seine Eltern waren "Zeugen Jehovas", also wurde auch er ein Zeuge. Glück für ihn: Denn die Zeugen sind sich sicher, dass es bald zum "Armageddon" kommt. Und dann macht Gott allen Bösewichtern den Garaus - und das sind derzeit so ziemlich alle außer den weltweit 6,6 Millionen "Zeugen Jehovas".



Kaum konnte Menzel mit sechs Jahren lesen, studierte er fleißig die Bibel. Und war sich schnell sicher, dass das der "einzig wahre Glauben" ist. Nur mit der beginnenden Pubertät kamen ihm Zweifel - aber die waren schnell verflogen. Zur Sicherheit entschied er sich für die Taufe. "Das gab mir einen Sinn, Hoffnung. Gott zu gefallen, genau nach der Bibel leben - so hat man ein gutes Leben", so Menzel.



Der Eppendorfer ist Mitglied in einer von 44 Hamburger Gemeinden. Deren 4000 Anhänger (deutschlandweit 175000) treffen sich fast täglich in selbst gebauten "Königreichsälen". Die "Leitende Körperschaft", die Zeugen-Zentrale, sitzt in Brooklyn (New York). Von hier wird die "wahre Botschaft" mit der Zeitschrift "Wachturm" verbreitet. Die Organisation finanziert sich über Spenden.



Menzels ganzes Leben ist auf die Zeugen ausgerichtet. Frau, Freunde, Familie - alle sind bei den Zeugen. Seinen Job als Bankkaufmann macht er teilzeit - um möglichst viel Zeit für den Glauben zu haben. Hauptaufgabe: Predigen. Jeder, der kann, klopft an fremde Türen. Menzel macht das fast täglich, 70 Stunden im Monat. Die Erfolgsquote ist gering, man braucht ein dickes Fell. "Wenn Leute Türen zuknallen, macht das traurig. Einmal wurde ich sogar mit der Axt vom Grundstück gejagt. Aber es gibt auch tolle Momente", so Menzel. Etwa, wenn er wöchentlich den einsamen Opa besucht und ihm die Bibel aus seiner Sicht erklärt. "Aber sonst sind wir normale Leute", sagt Menzel selbstironisch.



Für den heute beginnenden Kongress hat sich Menzel extra eine Woche frei genommen, um mit 4000 anderen bei den Vorbereitungen zu helfen. Ab 9.30 Uhr gibt es Predigten in fünf Sprachen gleichzeitig, Musik- und Theaterstücke sowie eine Massentaufe. Parallel finden die gleichen Kongresse in Dortmund, Leipzig, Frankfurt und München statt.



Eine andere Glaubensrichtung hat Menzel nie in Betracht gezogen. "Die Bibel ist das Schlüssigste. Wenn man allein die Prophezeiungen sieht, die bisher eingetreten sind ..." Aber eine, die aus der Bergpredigt (Matthäus 7,13-20), dass "das Ende nah ist", steht noch aus. 1914, 1918, 1925 und 1975 sollte es bereits so weit sein. Doch jetzt ist man sich sicher. "Gott wird bald eingreifen und das Paradies entstehen lassen. Wer sich dann nicht nach den Grundsätzen Gottes richtet, wird von ihm vernichtet", so Menzel. Aber eine gute Nachricht gibt es: "Vorher wird Gott jedem die Gelegenheit geben, die Bibel kennen zu lernen und nach ihr zu leben."



»Das ist Gehirnwäsche«



Insiderbericht über die »Zeugen Jehovas«



Der Hannoveraner Professor Rolf Nobel (55) schleuste sich Anfang der 80er für zwei Jahre in die Organisation ein. 1984 erschien im "stern" und als Buch sein "Die Falschspieler Gottes".



MOPO: Herr Nobel, sind die Zeugen Jehovas gefährlich?



Nobel: In gewissem Sinne ja. Sie führen einen Krieg um die Köpfe. Und dabei wenden sie sich vor allem an ungebildete oder problembelastete Menschen. Sie bieten leichte Antworten auf komplizierte Fragen.



MOPO: Aber die Mitglieder treten freiwillig ein.



Nobel: Ja, und bald sind sie gefangen. Denn dann kommt die Gehirnwäsche. Die Leute werden indoktriniert, so dass sie ihre Selbstständigkeit verlieren. Die leben nur noch mit den Gläubigen und sind nach kurzer Zeit der Gemeinschaft ausgeliefert. Denn die Persönlichkeit wird gestohlen und durch die Gruppe ersetzt. Kinder werden dadurch von Gleichaltrigen früh isoliert. Und Abweichler werden hart bestraft.



MOPO: Was passiert denen?



Nobel: Gemeinschaftsentzug. Keiner darf mit ihnen reden, oder ihm geschieht das Gleiche. Das einzig verbliebene Umfeld bricht also weg.



MOPO: Das Ziel der Zeugen?



Nobel: Es geht nicht um persönliche Bereicherung. Das sind Fanatiker, die für die Herrschaft nach dem Armageddon eine schlagkräftige Organisation aufbauen.

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Datum:  21.7.2006
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Thomas Hirschbiegel

Aufschriften auf Firmenwagen sind immer wieder ein ergötzliches Thema. Jetzt stand ich am Eimsbütteler Markt hinter einem Transporter, auf dem stand: „Vor Ihnen fahren die Maler mit Freude am Beruf.“