Die Münchner Kinderärztin Ursula Lindlbauer (Mitglied der Ständigen Impfkommission) spricht von einer "echten Katastrophe".
In Hamburg ist seit elf Tagen kein Sechsfach-Impfstoff mehr zu bekommen. Viele Mediziner sind ziemlich wütend, so Hans-Ulrich Neumann, Sprecher des Landesverbands der Kinderärzte. "Ich finde es unangenehm, weil ich meine Impf-Schemata nicht einhalten kann", sagt Neumann. Der Engpass wäre durchaus vermeidbar gewesen. "Aber es ist auch kein Weltuntergang." Der Hersteller GlaxoSmith Kline habe zugesagt, dass der Impfstoff bald wieder zur Verfügung stünde.
Auslöser für den Engpass war die Schweinegrippe-Hysterie. Der Hersteller GSK hat offenbar unter dem Druck der Politik seine Produktionskapazitäten ganz auf die Herstellung des Schweinegrippe-Impfstoffs umgestellt. Während Bund und Länder inzwischen auf Bergen von Schweinegrippe-Impfampullen sitzen, kann der britische Konzern nun den Sechsfach-Impfstoff für Säuglinge nicht liefern. Auch der Vierfach-Impfstoff gegen Viruserkrankungen (Masern, Mumps, Röteln, Windpocken) fehlt.
Glaxo hat ein Monopol auf den "hexavalenten" Impfstoff Infanrix hexa (Einzeldosis: 79,24 Euro), der auf einen Schlag die Säuglinge immun gegen sechs gefährliche Infektionen (Kinderlähmung, Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Meningitis und Hepatitis B) machen soll. Es gibt zwar ein Konkurrenzprodukt (Hexavac von Sanofis Pasteur), doch hier ruht die Zulassung, weil es Zweifel an der Langzeitwirkung gibt.
In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" sagte die Impf-Expertin Lindlbauer, vor allem bei Krippenkindern sei eine Verschiebung der Impfung nicht vertretbar, weil hier die Infektionsgefahr am höchsten sei. "Für junge Säuglinge ist das fatal", so Wolfram Hartmann, Präsident des Verbandes der Kinder- und Jugendärzte. Die einzige Alternative: der Ersatz durch sechs Einzelimpfungen.
Bei GlaxoSmith Kline rechnet man mit Verzögerungen um einige Monate bis in das zweite Quartal. Man versuche, die "Unannehmlichkeiten für Ärzte, Eltern und Kinder rasch zu entschärfen". Die Hamburger Links-Partei machte die Profitgier für das Impfstoff-Chaos verantwortlich. GSK habe die "wichtige Impfstoffproduktion vernachlässigt". (roh/ng)