Kolonie 22 nennt sich das Straflager ganz harmlos. Doch wer in diesem russischen Arbeitslager an der Wolga östlich von Moskau sitzt, verflucht jeden einzelnen Tag hinter Gittern. Sechs Jahre hat hier der Hamburger Martin Lenz (Name geändert) gesessen. Bei eisiger Kälte, ungenießbarem Essen und mit 77 anderen Verbrechern in einem Raum. Doch Mitleid ist nicht angebracht. Der 50-Jährige ist Kokaindealer, der auch noch durch eigene Dummheit im Arbeitslager gelandet ist.
Koks-Connection
Der Hintermann saß in einer hochgesicherten Villa an der australischen Küste. Weltweit dirigierte er Kokain-Kuriere, die von Mittelamerika aus den Stoff auf verschlungenen Wegen nach Europa schafften. Einer der Kuriere, die 10000 Euro pro Schmuggeltour bekamen, war Martin Lenz aus Hamm-Nord.
Doch der Dealer wollte schlauer sein als sein Boss und meldete sich als Informant bei der "Gemeinsamen Ermittlungsgruppe Rauschgift" (GER) von Zoll und Kripo. Dort plauderte er, wollte eine hohe Belohnung für seine Tipps. Die wollten die Fahnder aber nicht zahlen. Man wurde sich nicht einig. Martin Lenz verließ wutschnaubend das Büro. Doch er hatte bereits so viel erzählt, dass die Beamten die Spur der Connection aufnehmen konnten.
Der offenbar etwas begriffsstutzige Lenz hatte das nicht kapiert und startete vom mittelamerikanischen Costa Rica nach Moskau. Zusammen mit Komplizin Orlanta R. (61) hatte er vier Tetrapaks Wein dabei. Darin aufgelöst: 11,5 Kilogramm Kokain. Von Moskau wollte das Duo weiter nach Hamburg. Doch die örtliche Drogenfahndung wartete schon.
Das Urteil des "Golowinsker Bezirksgerichts": 7,5 Jahre "Straflager unter verschärften Bedingungen" für Lenz. Orlanta R. bekam die gleiche Strafe. Sie starb im Arbeitslager. In Hamburg wurden weitere Mitglieder der Koks-Connection verhaftet. Der örtliche Statthalter Paul L. (59) bekam neun Jahre und drei Monate Haft.
Beim Verfahren sah Martin Lenz die Chance, dem russischen Lager zu entkommen und seine Haft in einem vergleichsweise komfortablen deutschen Gefängnis abzusitzen. Er wurde von deutschen Richtern in Russland per Video-Schaltung vernommen. Hätte Lenz hier umfassend ausgepackt, wäre er wohl tatsächlich nach Hamburg verlegt worden. Doch er pokerte, behauptete, er hätte durch die harten russischen Haftbedingungen die "früheren Ereignisse verdrängt". Aber wenn er in Deutschland wäre, würde ihm sicher vieles wieder einfallen ...
Das war den deutschen Richtern dann doch zu blöd, und Lenz verspielte seine Verlegung. Mit Zug und Lastwagen ging es in die Kolonie 22: drei Baracken,183 Häftlinge, Wächter mit Kalaschnikow.
Arbeitslager
Teilrepublik Mordowien, auch die "Knastrepublik" genannt. Hier sitzen 15000 Häftlinge in einer Hochsicherheitsanstalt und 16 Straflagern. Martin Lenz schläft mit 77 anderen Männern in einem Raum. Täglich näht er Arbeitsklamotten, geduscht wird ein Mal die Woche. Das Essen ist karg: Brei, Trockenfisch, Bohnen, ein Salatblatt. In diesem Jahr besuchte ihn ein Team von "Focus TV" (Sendetermin: heute, RTL, 23.40 Uhr). Martin Lenz sagt in die Kamera: "Das Essen ist sehr nahrhaft, ich hab' einige Kilo zugenommen. Das spricht doch für sich." Lagerkommandant Oberstleutnant Andrey Tapornik nickt zufrieden. Martin Lenz weiß: Ein kritisches Wort, und es wird nichts mit der Überstellung nach Deutschland. Und nach sechs Jahren will Lenz nur eines: zurück in sein Heimatland: "Ich habe Russisch gelernt, aber es ist schwer hier ... Ich hab' Sehnsucht nach Antje, der Liebe meines Lebens in Hamburg." Antje ist auch Koks-Schmugglerin, doch sie saß ihre vier Jahre drei Monate in Hamburg ab.
Die Rückkehr
Nicht einige Wochen wie erhofft, sondern sechs Jahre hat es gedauert, bis Lenz das Arbeitslager Richtung Hamburg verlassen konnte. Nun sitzt er seit einigen Wochen im Knast Billwerder. Oberstaatsanwalt Willhelm Möllers bestätigte: "Er verbüßt bis 22.Juni 2011 eine Reststrafe aus einer Moskauer Verurteilung." Ob Lenz vorzeitig freikommt, steht in den Sternen. Und ob die "liebe Antje" auf den deutlich gealterten Dealer, dem im Mund so mancher Zahn fehlt, wartet, auch.
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