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Plagiatsfall Hegemann: Streit um fremde Federn

Plagiatsfall Hegemann: Streit um fremde Federn

Berlin - Bertolt Brecht hatte damit keine Probleme. Unumwunden räumte der große Autor «Laxheit in Fragen geistigen Eigentums» ein.

Die junge Schriftstellerin Helene Hegemann (17) dagegen hat durch ihren sorglosen Umgang mit fremden Quellen in ihrem Überraschungsbestseller «Axolotl Roadkill» eine erregte Debatte ausgelöst. Wie weit darf sich ein Autor aus anderen Quellen bedienen? Wo liegt die Grenze zwischen Inspiration und Ideenklau? Gibt es im Zeitalter von Internet überhaupt noch ein Recht auf den eigenen Gedanken?

Hegemann hat, so der Vorwurf, für die wilde Geschichte ihrer Heldin Mifti ganze Passagen aus dem Roman «Strobo» übernommen, in dem es ebenfalls um verzweifelte Selbstfindung in einer Welt aus Sex, Drogen und Abhängigkeit geht. Eine wichtige Rolle spielt etwa der bekannte Berliner Techno-Club «Berghain», in den Hegemann als Minderjährige gar nicht hineindarf. «Ich selbst empfinde es nicht als geklaut, weil ich das ganze Material in einem völlig anderen und eigenen Kontext eingebaut habe», bekräftigte Hegemann am Dienstag in Interviews trotzig.

Der geschädigte Berliner Verlag Sukultur mag das so nicht durchgehen lassen. «Natürlich muss Helene Hegemann nicht Heroin nehmen, um über das Heroinnehmen zu schreiben», sagt Geschäftsführer Frank Maleu. «Wenn man einen Roman über das Mittelalter schreibt, muss man auch nicht ins Mittelalter reisen. Aber man darf auch nicht einfach aus anderen Mittelalter-Romanen abschreiben. Wir nennen das "sich mit fremden Federn schmücken"».

Dass Kunst nicht im luftleeren Raum entsteht, ist unbestritten. Jeder Autor, jeder Maler, jeder Dirigent schöpft aus einem Fundus von Erfahrung und Erleben, aus dem Neues entsteht. Und nicht nur bei Brecht, auch bei anderen Größen der Weltliteratur wie etwa Shakespeare und Goethe lassen sich mühelos Zitate und Anleihen bei anderen verdienten Kollegen nachweisen.

Die Allgegenwart des Internets hat den Prozess dramatisch verschärft. Der Züricher Literatur- und Kunstwissenschaftler Philipp Theisohn, der im vergangenen Jahr das Buch «Plagiat: Eine unoriginelle Literaturgeschichte» veröffentlichte, sagte der Deutschen Presse-Agentur dpa: «Natürlich kann man von der postmodernen Idee ausgehen: Es ist alles schon gesagt. Es gibt keine Chance mehr, einen eigenen Gedanken zu fassen. Aber dann muss man diese Arbeitsweise auch im eigenen Werk reflektieren.»

Beispiele dafür liefern Theisohn zufolge etwa Autoren wie Thomas Meinecke oder Rainald Goetz. «Der Roman von Helene Hegemann hat mit diesem Schreibverfahren, mit einer neuen Netzkultur, eindeutig nichts zu tun», sagt er. Sie präsentiere sich selbst bewusst als Einzelautorin, und deshalb müsse auch für sie das Urheberrecht gelten. «Wenn es kein Urheberrecht gäbe, hätte sie keinen Verlag, der ihr Buch druckt, keine Bühne in den Feuilletons - sie wäre eine Bloggerin.»

Der Autor, von dem Hegemann zugegebenermaßen abgekupfert hat, hält sich derweil weiter bedeckt. Er ist nach Angaben seines Verlags ein 28 oder 29 Jahre alter Unternehmensberater, der lange Zeit seine Lebenserfahrungen in der Berliner Szene als Blogger Airen schilderte und die Geschichte im vergangenen Jahr zu einem Roman bündelte. Laut Geschäftsführer Maleu versucht Airen derzeit herauszufinden, was und wieviel in «Axolotl» von ihm stammt.

Der deutsche Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki warnt unterdes im Gespräch mit der dpa vor überzogener Aufregung. «Man sollte das nicht so hoch hängen», sagt er. «Die Übernahme von Motiven aus der vorhandenen Literatur gibt es seit Jahrtausenden. Brecht etwa hat so ganz fabelhafte Sachen geschrieben - und Gott sei Dank hat er's getan!»

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Datum:  9.2.2010
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