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LESUNG: Ein waschechter Hanseat aus Saigon

Dezember 1968: Ein kleiner vietnamesischer Junge wird im AK Barmbek behandelt, er ist querschnittgelähmt, ein Opfer des fernen Vietnamkrieges - aber Dien ist so süß und freundlich, dass alle Krankenschwestern ganz vernarrt in ihn sind. Es ist die glücklichste Zeit in seinem Leben. 40 Jahre später lernt die Hamburger Autorin Bruni Prasske (47) den rollstuhlfahrenden Vietnamesen mit den makellosen Deutschkenntnissen zufällig in Saigon kennen und schreibt ein Buch über Diens ungewöhnliche Geschichte: "Immer noch träume ich von Deutschland".



Wer Bruni Prasske und Dien (44) sieht, würde denken, die beiden kennen sich ewig, so wie sie miteinander flachsen. "Die ersten Worte, die ich von Dien hörte, werde ich nie vergessen", sagt die attraktive Reiseschriftstellerin aus der Sternschanze lachend: ",Oh, eine Blondine!' Mitten in Saigon ein Wort, das ich seit den 70er Jahren nicht mehr gehört hatte!" Dien zeigt sein charmantes Jackie-Chan-Lächeln: Wieso, ich dachte, das sagt man so zu blonden Frauen." Er hat keinen Akzent.



Zwischen 1968 und 1974 lebte Dien in Deutschland, die Hilfsorganisation Terre des Hommes hatte ihn mit 15 schwer versehrten Kindern aus Vietnam in ein "Paradies" gebracht: Schwestern und Ärzte im AK Barmbek kümmerten sich liebevoll um die traumatisierten Kinder. Die Wochenenden verbrachte Dien bei seiner heiß geliebten Pflegemutter: "Sie brachte mir alles bei, sie war meine Mama", sagt er, Dankbarkeit in der Stimme.



Später kamen die Kinder in eine Reha-Einrichtung an der Weser. Dien verliebte sich in das Land und die Sprache - und wurde mit elf Jahren in eine "Heimat" zurückgeschickt, in der Behinderte als Unglücksbringer geächtet sind. Und das bis heute.



"Ich war verzweifelt, dachte manchmal, ich hätte die Zeit in Deutschland nur geträumt", sagt Dien, plötzlich sehr ernst. Nur eine Flasche "4711", gehütet wie ein Schatz, war sein "Beweis", dass er das alles wirklich erlebt hatte: die Liebe, die Zuckerwatte auf dem Rummelplatz, den Schnee.



Dien wurde Uhrmacher in Saigon ("Ich wollte die Zeit zurückstellen auf die Jahre in Deutschland"), verschloss die Sprache und die Sehnsucht nach Deutschland in seinem Herzen. Für immer, wie er dachte. Bis Bruni Prasske einen Fremdenführer suchte und Dien fand.



Zusammen fuhr das ungleiche Duo wochenlang auf Diens Moped durch Vietnam, verblüfft angestarrt von den Einheimischen. "Bruni hat mir meine Würde zurückgegeben", sagt Dien. Derzeit reisen die beiden wieder, diesmal durch Deutschland, und stellen Brunis Buch über Diens Leben vor.

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