Es ist eine Gratwanderung, die der Hamburger Journalist Marco Carini in seinem Debütroman vollzieht. Denn das äußerst diffizile Thema seines Krimis ist der organisierte Handel mit der Ware Mensch in allen Facetten - sexuell missbrauchte (Klein-)Kinder und Frauen, Organhandel, bestellte Adoptionen, Sado-Maso, Folter bis zum Tod. Der Leser wird in dieser temporeichen Erzählung hin- und hergerissen zwischen Lese-Überwindung, Spannung und der Erkenntnis, dass ein Stück Wirklichkeit eindringlich beschrieben wird, das normalerweise in polizeiliche Fallzahlen gehüllt und damit verdaulicher daherkommt.
Handlungsort des Krimis ist Hamburg. Der Protagonist Rohwer, ebenso wie der Autor ein politischer Reporter, weckt schnell ambivalente Gefühle im Leser - denn Rohwer hat Täterpotenzial, mag devote Frauen und lebt seine Gelüste gern aus. Schnell wird er in Ereignisse verwickelt, in deren Zentrum das spurlose Verschwinden einer jungen Frau steht. Immer tiefer gerät Rohwer in die Verstrickungen eines international tätigen Menschenhändler-Ringes, der auch vor Mord nicht zurückschreckt.
Bereits der Einstieg des Romans lässt den Atem stocken. Schonungslos beschreibt Carini die Vergewaltigung eines thailändischen Mädchens - Alltag im Sex-Tourismus-Land. Und obwohl das geschulte Krimi-Auge blutrünstigere, brutalere Szenen kennt, lässt dieser erzwungene Blick auf das Opfer eine hilflose Wut aufkeimen, die sich durch den gesamten Roman zieht. Doch Carini platziert solche Szenen dosiert - und provoziert dadurch Unterbrechungen, in denen der Leser sich der Abscheu stellen muss, diesen Blick auf die Realität zu ertragen. Unberührt lässt dieser Thriller nicht - und bietet dadurch ein eindringlicheres Leseerlebnis als die übliche Krimi-Ware.
Rotbuch Verlag, 347 Seiten, 16,95 Euro