Die Liebe in Zeiten der Marktwirtschaft führt bisweilen zu merkwürdigem Verhalten geschlechtsreifer Großstädter. Seit einigen Jahren kann man einsame Singles bei einem besonders bizarren Partnersuche-Ritual beobachten: dem so genannten Speed-Dating. Das ist eine Art Verkaufs-Turnier, bei dem paarungswillige Teilnehmer im Fünf-Minuten-Takt aufeinander losgelassen werden. Im Kampf gegen die Uhr geht es darum, sich in kürzester Zeit optimal anzupreisen - und sein Gegenüber genau zu taxieren. Am Schluss entscheidet jeder, wem er seine Telefonnummer geben will. Manche meinen, Speed-Dating sei eine fast sichere Methode, Single zu bleiben. Die Liebe seines Lebens findet man vermutlich doch eher an der Käsetheke. Oder beim Hautarzt.
Eigentlich ein Wunder, dass immer wieder Leute für dieses höchst unromantische Kennenlern-Karussell Geld bezahlen. Mindestens ebenso verwunderlich, dass bisher noch niemand auf die Idee kam, darüber einen Spielfilm zu drehen. Der Münchner Autor und Regisseur Ralf Westhoff, Jahrgang 1969, hat sich nun nach drei preisgekrönten Kurzfilmen an dieses Thema gewagt. Und das ist vielleicht das größte Wunder: dass sein Kinodebüt, in dem es sage und schreibe 18 Hauptfiguren gibt und in dem 90 Minuten lang nur gequatscht wird, ein so hinreißender Film geworden ist.
Mit wenigen präzisen Pinselstrichen skizziert Westhoff seine Charaktere: neun Frauen und neun Männer, die so gut wie nichts gemeinsam haben - außer dem sehnlichen Wunsch nach einem Partner. Beim Speed-Dating wird auf Teufel komm raus geflirtet, gestritten und geblufft: Die skurrilen Stadtneurotiker versuchen, ihre privaten Defizite möglichst geschickt zu überspielen. Sie preisen sich an, als wären sie feinste Haute-Couture-Kreationen - und fühlen sich insgeheim eher wie übrig gebliebene Schlussverkaufs-Restposten auf dem Wühltisch.
Mit blitzenden, rasierklingenscharfen Dialogen und einem untrüglichen Gespür für Timing zündet Westhoff ein wahres Feuerwerk an intelligentem Wortwitz. Dabei changiert er auf faszinierende Weise zwischen Ironie und Melancholie, und im Gegensatz zu anderen deutschen Partnersuche-Possen kommt sein Film ohne den üblichen klischeehaften Klamauk aus: Diese rasante Rede-Revue ist eben keine Klamotten-Konfektion von der Stange, sondern ein edles, eigenwilliges Komödien-Designerstück.
Getragen wird der Film von einem großartigen Schauspieler-Ensemble, das sich vorwiegend aus Jungstars der Münchner Theaterszene zusammensetzt. Westhoff hat über Monate hinweg zahllose Aufführungen besucht, sich nach und nach seine Favoriten herausgepickt und ihnen die Rollen buchstäblich auf den Leib geschneidert - mit der Folge, dass die Darsteller ihre Charaktere bis ins kleinste Detail glaubwürdig verkörpern.
Echte, lebensnahe Figuren sind das, Menschen mit Macken und Ecken und Zicken. Doch Westhoff verrät sie nie, er zeichnet sie mit viel Liebe und Fingerspitzengefühl: Als Zuschauer lacht man sie nicht aus, sondern man lacht mit ihnen. Und man überlegt sich irgendwann unweigerlich, wem man selbst gern seine Telefonnummer geben würde ...
Kein Wunder also, dass dieser höchst erfrischende Debütfilm bei seiner Weltpremiere anlässlich der 40. Internationalen Hofer Filmtage für Begeisterungsstürme sorgte und zum Publikumsliebling avancierte. Westhoff ist damit ein pointiertes Porträt der urbanen Single-Generation gelungen: Wir erfahren viel Wahres über die hippen Hedonisten, die mit Vorliebe in Straßencafés Cappuccino schlürfen - zum Beispiel, dass sie hin- und hergerissen sind zwischen Hunger nach Sex und Sehnsucht nach Liebe. Und dass sich hinter ihrer coolen Fassade doch so manche romantische Hoffnung verbirgt. Darauf einen Cappuccino!
Fazit: Freches, furioses, facettenreiches Porträt der Großstadt-Single-Generation - mit fantastischen Darstellern und den besten deutschen Dialogen seit Langem: spritzig, intelligent und hinreißend komisch.