Die "Maras", die vor allem in Mittelamerika und Mexiko ihr Unwesen treiben, waren schon Gegenstand eines Dokumentarfilms, der vor Kurzem in unseren Kinos lief. In "La vida loca" blickte Christian Poveda tief ins Innere einer Dependance der gefürchteten Gangs. Poveda hat sein Werk nicht lange überlebt. Am 2. September 2009 wurde er in San Salvador ermordet, vermutlich von einem Mara-Mitglied.
"Sin Nombre" beschäftigt sich nun fiktiv mit der Bandenproblematik - und ist auf seine Weise genauso packend wie Povedas Doku. Der Film erhielt bereits mehrere Preise, etwa bei den Festivals von Sundance, Edinburgh, Deauville und Stockholm. Und das ist keineswegs zu viel der Ehre für das ausgereifte Kinodebüt des 32-jährigen Amerikaners Cary Joji Fukunaga, der hier nicht nur Regie führte, sondern auch noch das Drehbuch schrieb.
Fukunaga erzählt die Geschichte zweier junger Menschen, die das Schicksal auf dramatische Weise zusammenführt: Casper, der eigentlich Willy heißt, lebt im südmexikanischen Tapachula und ist Mitglied der berüchtigten "Mara Salvatrucha". Sein Boss Lil' Mago gibt ihm den erst zwölfjährigen Smiley als "Lehrling" an die Hand, ohne zu ahnen, dass Caspers Herz bereits mehr für seine Freundin Martha Marlene als für die Gang schlägt. Umso verzweifelter ist Casper, als Martha Marlene durch Lil' Magos Schuld ums Leben kommt.
Derweil ist Sayra mit ihrem Vater und einem Onkel von Honduras unterwegs in die USA. Wie so viele andere erhofft sie sich dort eine bessere Zukunft. Im Gebiet der Mara kreuzen sich die Wege von Sayra und Casper. Der rettet das Mädchen vor der Vergewaltigung auf einem Güterwaggon, indem er kurzentschlossen seinen Boss tötet. Casper, zu dem sich Sayra instinktiv hingezogen fühlt, bleibt erst einmal an Bord des Flüchtlingszugs, der weiter gen Norden rattert. Doch er weiß: Der Arm der Mara ist lang.
Fukunaga war ganz offensichtlich stark an einer weitgehend authentischen Darstellung der tristen sozialen Verhältnisse gelegen. Wie menschenverachtend-brutal es bei den Maras zugeht, zeigen allein schon die Szenen, in denen der zwölfjährige Smiley 13 Sekunden lang mit harten Schlägen und Tritten malträtiert wird. Das ist allerdings nur der erste Teil eines Aufnahmerituals, zu dem es ferner zählt, einen "Feind" zu töten.
Freilich begnügte sich der Regisseur nicht damit, vor den Dreharbeiten mit inhaftierten Gang-Mitgliedern zu sprechen. Um auch ein Gefühl für die prekäre Lage derjenigen zu bekommen, die es ins vermeintlich gelobte Land zieht, reiste er in Begleitung zweier Illegaler als blinder Passagier auf einem Zug durch Mexiko.
Erfreulicherweise vernachlässigt Fukunaga in seinem Authentizitätsbestreben nicht das Erzählerische. Sein Werk, ein Mix aus Gang- und Flüchtlingsdrama, Railmovie und unkitschiger Romanze, fesselt und berührt zugleich - auch dank der beiden hervorragenden Hauptdarsteller Edgar Flores und Paulina Gaitan. Zudem wartet es mit Bildern auf, die man so schnell nicht wieder vergisst. Selbst ein erfahrenerer Filmemacher hätte das alles wohl kaum besser hingekriegt.
Fazit: Erzählerisch und visuell eindrucksvolles Regiedebüt. Jörg Brandes
MEX/USA, 96 Minuten, Abaton, UCI Mundsburg, Zeise