Adam Lang war britischer Premierminister. Nach seinem Rücktritt will er nun seine Memoiren unters Volk bringen, könnten die ihn doch in der Öffentlichkeit wieder einigermaßen vorteilhaft dastehen lassen. Doch just da wird Lang (von Pierce Brosnan verkörpert und an Ex-Premier Tony Blair angelehnt) vor dem Internationalen Tribunal in Den Haag als Kriegsverbrecher angeklagt. Ihm bleiben nur noch die USA, Großbritannien und Israel, will er keine Verhaftung riskieren.
Wie es der Zufall so will, sind dies genau jene Staaten, in die Roman Polanski auf keinen Fall reisen durfte, wollte er selbst nicht seine Festnahme wegen einer Vergewaltigungsanklage aus dem Jahre 1978 provozieren. Doch alle Vorsicht hat am Ende nichts genützt. Vergangenes Jahr im September wurde der Regisseur bei der Einreise in die Schweiz festgesetzt. Dies hatte nicht nur einen weltweiten Aufschrei von Kulturschaffenden wie Woody Allen oder Martin Scorsese, sondern auch verschärfte Arbeitsbedingungen zur Folge. Fortan musste der Filmemacher die Nachproduktion seines neuen Films aus dem Gefängnis heraus überwachen. Geschadet hat diese Restriktion offensichtlich nicht: "Der Ghostwriter" ist hervorragend inszeniertes, brandaktuelles und bis zur letzten Sekunde spannendes Politkino.
Und darum geht's: Nachdem sein Vorgänger unter mysteriösen Umständen ertrunken am Strand angespült wurde, erhält ein Ghostwriter (Ewan McGregor) den Auftrag, die Memoiren des britischen Ex-Premiers Adam Lang zu vollenden. Die Interviews mit Lang, die auf einer kleinen Insel vor Delaware stattfinden (Sylt und Usedom dienten als Doubles, weil Polanski ja nicht in die USA durfte), entpuppen sich jedoch nicht gerade als Zuckerschlecken. Seitdem der Politiker wegen der Unterstützung von CIA-Folterungen angeklagt wurde, hat sich vor dessen Anwesen eine kleine, aber beharrliche Truppe von Friedensaktivisten zusammengerottet. Außerdem stößt der Ghostwriter auf einen Umschlag mit Fotos, die auf eine Verschwörung hindeuten, der auch sein Vorgänger zum Opfer gefallen sein könnte ...
Eigentlich wollte Roman Polanski ja Robert Harris" "Pompeji" verfilmen. Doch das Projekt scheiterte. Also sattelte der Regisseur kurzfristig auf einen anderen Harris-Roman um: den 2007 erschienenen Thriller "Ghost". Vor dem Hintergrund der unwirtlichen Insel, die zu dieser Jahreszeit ständig von Orkanböen umtost ist, entwirft Polanski einen Thriller-Plot, der zum einen genügend politischen Sprengstoff birgt, um relevant zu sein, zum anderen aber auch über seine fein nuancierten, bissigen Dialoge funktioniert.
Ewan McGregor als namenloser Autor, der unversehens in ein transatlantisches Komplott stolpert, dient als Identifikationsfigur - seine berufsbedingte Neugier wirkt hochgradig ansteckend. Pierce Brosnan gibt in seiner kurzen Leinwandzeit den kontrollierten Staatsmann. Aber wenn er dann doch für einen kurzen Moment die Contenance verliert und es aus ihm herausbricht, offenbaren sich all die Abgründe seines Charakters in einer einzigen intensiven Szene. Auch Olivia Williams begeistert als Langs Ehefrau und undurchsichtige Femme fatale. Einzig "Sex and the City"-Männerfresserin Kim Cattrall entpuppt sich als Fehlbesetzung - aber dies ist angesichts der geringen Größe ihrer Rolle leicht zu verschmerzen.