Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis sich Tim Burton die Story um Alice, die Grinsekatze und den verrückten Hutmacher vorknöpfen würde. Zu nah liegen die Visionen des "Sleepy Hollow"-Regisseurs und des "Alice"-Erfinders Lewis Carroll beieinander, um dieses Projekt nicht in Angriff zu nehmen. Und tatsächlich entwirft Tim Burton auf der Leinwand ein 3-D-Wunderland, in dem es vor fantastischen Einfällen nur so wimmelt. Leider kann das Drehbuch von "Die Schöne und das Biest"-Autorin Linda Woolverton da nicht schritthalten, weshalb der Film sein Publikum trotz aller animationstechnischer Brillanz merkwürdig kalt lässt.
Von Lewis Carrolls Romanen "Alice im Wunderland" und "Alice hinter den Spiegeln" lediglich inspiriert, präsentiert sich der Film als eine Art Quasi-Fortsetzung: Inzwischen 19 Jahre alt, hat Alice Kingsley (Mia Wasikowska) wenig Lust, den stocksteifen Aristokratensprössling Hamish zu ehelichen. Auf der Flucht vor ihrer eigenen Verlobungsfeier stürzt die Heiratsunwillige in einen Kaninchenbau und findet sich schwuppdiwupp im Wunderland wieder. Weil die böse Rote Königin die Herrschaft über das Reich mittlerweile wieder an sich gerissen hat, sind die Bewohner des Wunderlandes heilfroh, dass sie ihre Alice endlich wiederhaben. Dummerweise kann sich diese aber gar nicht mehr daran erinnern, bereits als Kind schon einmal hier gewesen zu sein ¼
Von den voluminösen Zwillingen Diedeldum und Diedeldei über die Spielkartenarmee der Roten Königin bis hin zum nach einem Unsinns-Gedicht von Lewis Carroll benannten Drachenwesen Jabberwocky - Tim Burton und sein Designteam beweisen eine geradezu überbordende Fantasie, wenn es darum geht, die klassischen Romanfiguren zu neuem, diesmal dreidimensionalem Leben zu erwecken. Die Story um die zurückgekehrte Alice ("Hook" lässt grüßen) ist hingegen arg dünn. Sie dient allenfalls als lose Verknüpfung einzelner Episoden, in denen immer wieder neue Animationswesen auftauchen. Wer von "Alice im Wunderland" also nicht nur ein atemberaubendes Trickgewitter, sondern auch ein charmantes Filmvergnügen erwartet, sollte sich besser noch einmal Disneys Zeichentrickmeisterwerk aus dem Jahre 1951 auf DVD anschauen.
Newcomerin Mia Wasikowska ist die Einzige, die ihrer Figur eine gewisse Tiefe verleiht, bevor auch diese dem finalen Schlachtengetümmel zum Opfer fällt. Johnny Depp zieht als Verrückter Hutmacher eine ähnlich überdrehte Clownshow wie in den "Fluch der Karibik"-Filmen ab, ohne sich dabei sonderlich für den emotionalen Kern seines Charakters - nämlich die Frage, ob er nun übergeschnappt ist oder nicht - zu interessieren. Und während Tim Burtons Ehefrau Helena Bonham Carter aus ihrem Part als riesenköpfige Rote Königin eine herrlich gemeine Tyrannin herauskitzelt, bleibt die sonst so wunderbare Anne Hathaway als Weiße Königin nicht nur aufgrund der massenhaften Theaterschminke in ihrem Gesicht überraschend blass.