Mit dem berührenden Drama „Mein Leben ohne mich“ gelang der spanischen Regisseurin Isabel Coixet der internationale Durchbruch; mit „Das geheime Leben der Worte“ und „Elegy“ (mit Penelope Cruz und Ben Kingsley) etablierte sie sich als Expertin für außergewöhnliche Liebesdramen. Beim Filmfestival von Taormina sprach die MOPO mit der pfiffigen, herrlich selbstironischen 50-Jährigen.
plan7: Wie kamen Sie als Tochter eines Stahlarbeiters zum Film?
Isabel Coixet: Schon als Kind war ich fasziniert vom Kino und wollte Regisseurin werden. Seit meinem zehnten Geburtstag habe ich Super-8-Filme gedreht. Bereits als Fünfjährige begann ich, meine Melancholie zu kultivieren. Ich bin zwar Spanierin, aber ich finde Stierkampf ekelhaft, und dreistündige Flamenco-Abende langweilen mich zu Tode. Dafür kann ich in Wagner-Opern Rotz und Wasser heulen. Vielleicht muss ich mal zum Psychiater!
plan7: Begonnen haben Sie als Regisseurin von Werbespots ...
Coixet: Ja. Verraten Sie bloß keinem, dass ich nie eine Filmschule besucht habe! In die Werbebranche bin ich aus purem Zufall reingerutscht. Ich durfte da mit den besten Kamerateams arbeiten und konnte von ihnen eine Menge lernen. Aber irgendwann habe ich die vielen verlogenen Angeber nicht mehr ausgehalten. Ich dachte, wenn ich jetzt noch eine lächelnde, tanzende Blondine sehe, muss ich kotzen!
plan7: Wieso haben Sie nach dem Erfolg von „Elegy“ alle lukrativen Hollywood-Angebote abgelehnt und stattdessen einen Film über eine Killerin in Tokio gedreht?
Coixet: Ich wollte lieber wieder ein eigenes Drehbuch verfilmen. Und ich fühle mich der japanischen Kultur sehr verbunden. Vor drei Jahren sah ich auf dem Tsukiji-Fischmarkt in Tokio eine hübsche junge Frau in Gummistiefeln, die mit einem Schlauch das frische Blut eines riesigen Thunfischs wegspritzte. Als ich sie fotografieren wollte, schrie sie mich an wie eine Furie. Ich fragte mich, warum sie so wütend war, und ich stellte mir vor, dass sie in ihrer Freizeit als Auftragsmörderin jobbte.
plan7: Kennen Sie sich aus in der Welt der Profikiller?
Coixet: Nein. Aber ich hatte von Mädchen gehört, deren Väter Yakuza-Killer sind: Sie werden in eine Welt außerhalb der Legalität hineingeboren. Viele von ihnen treten in die Fußstapfen ihrer Eltern. Ich las Biografien über solche Frauen, die mir als Inspirationsquelle dienten.
plan7: Gab es für den Toningenieur, der im Film wie ein Lumpensammler die Geräusche Tokios einfängt, auch ein reales Vorbild?
Coixet: Ja. Einen ähnlichen Freak habe ich tatsächlich in Tokio getroffen: Er arbeitet seit 30 Jahren an einer „Karte der Klänge der Welt“, wie er es nennt. Ein schräger Typ, aber sehr stimulierend. Ich verdanke ihm ein paar der schönsten Sounds im Film. Fast zwei Monate lang haben wir akribisch an der Tonspur getüftelt.
plan7: Und der spanische Weinhändler, den es in Ihrem Film nach Tokio verschlägt - ist das ein verkapptes Porträt von Ihnen?
Coixet: Na klar! Er ist besessen von gutem Wein, gutem Essen und gutem Sex - so wie ich! (Lacht.)
plan7: Warum haben Sie seit über 20 Jahren keinen Film mehr in Ihrer spanischen Heimat gedreht?
Coixet: Vermutlich, weil ich von zwanghafter Neugierde getrieben werde. Ich interessiere mich wahnsinnig für andere Menschen und andere Kulturen. Ich rate allen Filmhochschülern: Reist! Erweitert euren Horizont! Das Wichtigste ist, dass dein Geist frei bleibt. Nur ein freier Geist ermöglicht gute Arbeit!