Sie heißen Achmed, Rainer oder Jessica. Ein gemeinsames Mittagessen in der Familie ist für sie eher die Ausnahme. Auf Klassenfahrten müssen sie verzichten und im Kino sind sie schon seit Jahren nicht mehr gewesen. Jedes sechste Kind in Deutschland unter sieben Jahren war 2006 zeitweise oder dauerhaft auf Sozialhilfe angewiesen - 16 Mal so viel, wie noch vor 40 Jahren. Kinderarmut, eine nationale Schande!
Die neueste Studie des Kinderhilfswerks enthält alarmierende Zahlen: Seit der Einführung von Hartz IV vor knapp drei Jahren hat sich die Zahl der armen Kinder auf 2,5 Millionen fast verdoppelt. Allerdings, so Kinderhilfswerk-Präsident Thomas Krüger seien die Arbeitsmarktreformen nicht die Ursache der Kinderarmut, hätten sie aber sichtbarer gemacht. Besonders dramatisch ist die Situation bei vielen ausländischen Familien: Im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen lebt bereits jedes dritte Kind in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften. Ihnen droht der Teufelskreis aus Armut, schlechten Bildungschancen und schlechten Berufschancen.
Laut Report sind auch immer mehr Kinder aus der Mittelschicht von Armut bedroht. So könne ein Durchschnittsverdiener heutzutage keine vierköpfige Familie mehr ernähren, sondern sei auf ergänzende Sozialhilfe angewiesen. Damit werde der Facharbeiter "zum Almosenempfänger degradiert". Das Kinderhilfswerk meint den Grund der Familienmisere zu kennen: ein ungerechtes, ja beinahe wahnsinniges Steuersystem. Jürgen Borchert Sozialrichter und Mitautor der Studie, sagte die Familienpolitiker in Deutschland betrieben eine systematische Täuschung der Bürger. Stets werde auf die im internationalen Vergleich angeblich hohen Ausgaben für Familien verwiesen. Tatsächlich gebe Deutschland jedoch nur 1,9 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Familien aus. Der Durchschnitt in der EU liege mit 2,1 Prozent deutlich höher. Dabei weist Deutschland weltweit (!) die höchste Quote an Kinderlosen auf, was eigentlich eine besondere Förderung von Familienplanung und -förderungen nach sich ziehen sollte.
Immer mehr Kinder in Armut - Thies Hagge, Pastor in Hamburg-Jenfeld und eng verzahnt mit dem Kinderhilfsprojekt "Arche", bestätigt die Zahlen. "In den vergangenen Jahren hat die Zahl der bedürftigen Kinder unseres Eindrucks nach deutlich erhöht." Am 6. Dezember eröffnet die vollständig aus Spendengeldern finanzierte Projekt einen Neubau - Sorgen um zusätzliche "Kunden" müssen sie sich nicht machen. Hagge: "Jedes vierte Kinder in Hamburg lebt unter der Armutgrenze." Seiner Ansicht nach wird in der Hansestadt zu wenig getan: Obwohl Hamburg die reichste Stadt Deutschland ist, rangiert sie beim Thema Kinderarmut nur knapp vor dem Schlusslicht Berlin.
In der Hauptstadt wird das Thema nur langsam erkannt: Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) spricht von einem "beschämenden Problem". Sie sieht als beste Vorsorge, Eltern die Möglichkeit zu geben, "auf eigenen Füßen zu stehen". Die Sozialminister der Länder verfolgen den Ansatz, Sozialleistungen für Kinder künftig stärker am konkreten Bedarf zu orientieren.