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KEINE OPERATION

Transsexueller: "Ich will keinen Penis haben!"

 Erst Frau, jetzt Mann: Chris Bauer (44) ist transsexuell.

Foto: Florian Quandt

Ob Mann oder Frau – für die meisten Menschen ist das eine Frage äußerlicher Merkmale. Männer haben einen Penis, Frauen einen Schlitz, so lernen es die Kinder schon von Kleinauf. Doch es gibt Menschen, für die diese Frage nicht ganz so einfach zu beantworten ist, für die das Geschlecht vor allem eine psychische Sache ist. Menschen wie Chris Bauer.



Chris Bauer ist transsexuell. Früher hieß er mal Christine. Der 44-Jährige aus Dulsberg wurde als Frau geboren, fühlt sich jedoch schon immer als Mann. So sehr, dass er nun seinen Personenstand von „weiblich“ in „männlich“ umtragen lassen möchte – auch um seine Freundin heiraten zu können. Doch diese Datenänderung ist in Deutschland ohne eine Geschlechtsumwandlung nicht möglich. Und die will Chris Bauer nicht. Zusammen mit anderen Transsexuellen hat er eine Verfassungsklage angestrengt.



„Warum soll ich mir ein gesundes Organ entfernen lassen? Das ist doch Irrsinn! Für mich ist das Verstümmelung“, sagt Bauer. „Was ich in der Hose habe, geht niemanden etwas an.“



Angefangen hatte alles in der Kindheit. „Ich hab mich immer besser mit Jungs verstanden, hab mit ihnen Fußball gespielt und bin auf Bäume geklettert. Mädchensachen interessierten mich nicht“, erzählt Bauer. Die Haare habe er stets kurz getragen, nur Hosen angehabt, keine Röcke. Dann kam die Pubertät. Die erste Blutung und die wachsenden Brüste stürzten Bauer in eine tiefe Krise. „Ich konnte mich nicht mit diesem Körper identifizieren und hatte Selbstmordgedanken.“



Bauer merkte, dass er sich zu Mädchen hingezogen fühlte. „Meine Freundinnen schwärmten für John Travolta, ich für Nastassja Kinski.“ In sexueller Hinsicht wurde das schwierig. Bauer – damals noch Christine – probierte beides aus: Beziehungen zu Männern und lesbische Affären. „Beides war nicht das richtige für mich. Denn in beiden Fällen wurde ich als Frau wahrgenommen.“



Eine TV-Talkshow zum Thema Transsexualität brachte die Erleuchtung. Dennoch dauerte es noch Jahre, bis Bauer seine Angst vor Diskriminierung und gesellschaftlichem Gespött überwand. Dann kam der Tag, an dem aus Christine Chris wurde, aus der Architektin ein Architekt. Die Kollegen reagierten tolerant und sogar die eigene Mutter hat sich an den Gedanken gewöhnt, einen Sohn statt einer Tochter zu haben.



Einen Sohn, der auf den ersten Blick gar nicht mehr als Frau zu erkennen ist: Chris Bauer hat sich die Brüste abnehmen lassen („Eine vergleichsweise kleine OP“) und nimmt Testosteron. Das männliche Geschlechtshormon macht seine Stimme tiefer und beschert ihm einen Bart. Sein Gang ist breitbeinig, die Kleidung männlich. Außenstehende merken nichts. Doch was ist mit Bauers Freundin, mit der er seit bald einem Jahr zusammen ist? Was für eine Beziehung ist das? Und warum will Bauer den letzten Schritt nicht gehen?



„Meine Freundin und ich sind heterosexuell“, betont er. „Ich liebe sie als Frau und sie mich als Mann.“ Als Mann ohne Penis? „Wissen Sie“, sagt Chris Bauer. „Sexualtechniken gibt es viele. Jeder hat da andere Vorlieben.“



Genauso wie die Ausprägung der Weiblichkeit bzw. Männlichkeit, die man sich vielleicht am besten auf einer Skala vorstellen muss, an deren einem Ende Pamela Anderson steht, am anderen Arnold Schwarzenegger. Der Rest der Menschheit reiht sich dazwischen ein – Bauer eher in der Mitte. Deshalb will er sich auch keiner Total-OP unterziehen. „Man weiß ja auch nicht, was die Spätfolgen sind. Vielleicht spielen sonst in zehn Jahren die Hormone verrückt.“



Die Kölner Rechtsanwältin Deborah Reinert, die Bauer und seine Mitstreiter unterstützt, sieht gute Chancen auf einen Erfolg der Verfassungsklage. „Eine Operation gegen den eigenen Willen bedeutet eine Verletzung von Artikel 2, Absatz 2 des Grundgesetzes, Recht auf körperliche Unversehrtheit.“



Auch Bauer hofft auf einen Erfolg: „Dann kann ich meine Freundin als Mann heiraten. Wenn wir ein Kind adoptieren, kann ich mich als Vater eintragen lassen. Das ist unser großer Wunsch.“

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Datum:  1.8.2010
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