Sie rauben, prügeln, dealen und fahren nachts Autorennen - die Sonnenland-Jugendgang wurde immer dreister, sodass die Billstedter Polizei eine "Soko Sonnenland" gründete. Die Täter sind größtenteils zwischen 18 und 25 Jahre alt. Doch woher kommt diese Aggressivität und die kriminelle Energie? Ralf (25) und Simon* (19) wohnen auch im Sonnenland. Sie meinen: "Das ist Langeweile, Angeberei und fehlende Kohle, wenn man keinen Job hat."
Die MOPO trifft die zwei, wie sie rauchend vor dem Billstedt-Center stehen. Sie haben alle Zeit der Welt, denn beide sind arbeitslos. Nur in Dulsberg und Wilhelmsburg sitzen noch mehr Jugendliche ohne Job auf der Straße. "So richtig mitbekommen haben wir nicht, dass die Gewalt hier schlimmer geworden sein soll", sagt Simon. "Aber natürlich kenne ich noch einige dieser Typen aus der Schulzeit."
Sie finden es unmöglich, jemanden abzuziehen - sagen beide. Sie selbst kommen anders über die Runden. "Wir bekommen halt mal Silberbestecke, Handys, Playstations angeboten", erzählt Ralf freimütig. "Und das verticken wir dann bei ,Ebay' für einen viel höheren Preis."
Ralf hat nach der Schule eine Lehre als Koch abgebrochen, lebt seitdem von Hartz IV und Gelegenheitsjobs. Trotzdem hat er dank seiner Geschäfte einen großen Fernseher, PC, Handy, und seine kleine Tochter (4) hat im Zimmer ein Prinzessinnen-Bett. "Wieso sollte ich einen 400-Euro-Job annehmen?", fragen die zwei jungen Männer sich. "Wenn ich auf dem Hafengeburtstag vier Tage schwarz hinterm Tresen arbeite, habe ich genauso viel Kohle wie nach vier Wochen Knochenarbeit im Warenlager."
Simon hat nicht einmal einen Hauptschulabschluss. Da geht es ihm wie 130 weiteren Billstedter Jungs, die jedes Jahr mit leeren Händen die Schule verlassen. Seit drei Jahren sitzt er jetzt zu Hause, hat verschiedene Maßnahmen durchlaufen, eine Lehre hingeschmissen - und wohnt bei seiner Mutter, weil er noch keinen Anspruch auf Hartz IV hat. "Natürlich gibt's zu Hause oft Streit." Seine Mutter möchte, dass er sich an der Miete und am Haushaltsgeld beteiligt. Manchmal hat er Gelegenheitsjobs in einem Lager.
Trotzdem sehen die beiden Freunde ihre Zukunft nicht schwarz. Sie träumen von einem anderen Leben. "Wir wollen uns mit einem Brötchen-Service selbstständig machen. In zehn Jahren hätten wir gern eine Wohnung in Eimsbüttel, ein großes Auto und genug eigenes Geld." Fühlen sie sich im Stich gelassen? "Ach, eigentlich nicht. Wenn wir Bock hätten und es sich lohnen würde, könnten wir ja arbeiten."