Hamburgs Justizbehörde hat jahrelang falsche Daten veröffentlicht, die auf einen extrem harten Kurs der Hamburger Richter gegen jugendliche Straftäter deuteten. Angeblich verbüßten 70 Prozent der verurteilten Jugendlichen ihre Strafe hinter Gittern. Nur 30 Prozent bekamen Bewährungsstrafen - damit lag Hamburg im Jugendstrafvollzug bundesweit an der Spitze, so wie es die CDU wünscht. Eine Studie hat nun aufgedeckt: Die Zahlen sind falsch, tatsächlich ist das Verhältnis genau umgekehrt, was dem Bundestrend entspricht. Banaler Grund für die falsche Statistik: Die Staatsanwälte hatten ein neues Computersystem bekommen und bei der Eingabe der Daten versehentlich falsche Häkchen gesetzt.
Der seltsame Wandel begann 2002. Noch im Jahr zuvor hatte das Statistische Amt Nord gemeldet, dass rund 60 Prozent der Jugendstrafen in Hamburg zur Bewährung ausgesetzt wurden. Nun waren es plötzlich nur noch 30 Prozent. Auch in den folgenden Jahren wurden angeblich zwei von drei verurteilten Jugendlichen in den Knast geschickt.
Das Jugendgefängnis Hahnöfersand hätte also aus allen Nähten platzen müssen. Es stand aber unverändert zur Hälfte leer, weil die Jugendrichter auch unter einem CDU-Senat nicht mehr Jugendliche als zuvor hinter Gitter schickten. Aufgedeckt wurde der Skandal von dem Hamburger Kriminologen Professor Bernhard Villnow. Spöttischer Titel seiner Studie: "Weltstadt Hamburg - kriminalstatistische Provinz?".
Die Diskrepanz zwischen dem angeblich harten Durchgreifen und den leeren Gefängniszellen sorgte in der Hamburger CDU nur für mildes Staunen: "Wir haben uns schon gewundert", räumt die justizpolitische Sprecherin Viviane Spethmann ein, "aber die Zahlen von der Staatsanwaltschaft zweifelt man ja nicht so einfach an." Und der CDU-Experte für Jugendkriminalität Klaus-Peter Hesse: "Ich dachte, bei den Jugendrichtern hätte ein Umdenken stattgefunden. Wo die zur Haft verurteilten Jugendlichen waren, die Frage hat sich mir nicht gestellt."
Erst im September 2007, als der SPD-Abgeordnete Andreas Dressel eine Anfrage zur Jugendkriminalität stellte, sei der Statistikfehler in der Behörde aufgefallen, so Behördensprecherin Kathrin Sachse. Die Öffentlichkeit wurde nicht informiert. Justizsenator Carsten Lüdemann: "Entscheidend ist, dass wir nach Bemerken des Fehlers unverzüglich die Ursachen ermittelt haben. Wir haben umgehend alle Vorkehrungen getroffen, damit sich der Fehler künftig nicht wiederholt."
Für die GAL-Fraktion ist Lüdemann als Senator nicht mehr haltbar. "Ich gehe davon aus, dass er bewusst diese Täuschung aufrechterhalten hat, um die angeblichen Erfolge der CDU in Sachen jugendliche Straftäter nicht kaputt zu machen", so der GAL-Rechtsexperte Till Steffen. Der innenpolitische Sprecher der SPD, Andreas Dressel, spricht von einem "Skandal ersten Ranges". Lüdemanns Behörde wisse seit September 2007 Bescheid. "Die falschen Zahlen wurden unkorrigiert öffentlich aufrechterhalten", so Dressel und kündigt an: "Wir werden akribisch nach den Verantwortlichkeiten bis hin zum Bürgermeister fragen."