David Schneider-Addae-Mensah (39) sieht die Gehörlosigkeit seiner Mandantin als Hauptgrund für den Sorgerechtsentzug und prangert das Verhalten der Hamburger Behörde als diskriminierend an.
Annette S., Tochter eines Vaters aus Benin und einer deutschen Mutter, ist seit ihrer Geburt gehörlos, als Einzige in ihrer Familie. Sie ist gelernte Hauswirtschafterin, arbeitete in einem Hotel. Sie spricht mit ihren Händen, Gebärdensprache. In Hamburg leben ungefähr 2000 gehörlose Menschen. Viele von ihnen haben Kinder, auch hörende Kinder, wie Antonio. Diese Kinder wachsen zweisprachig auf, lernen Lautsprache in der Frühförderung und Gebärdensprache von ihren Eltern. Auch Antonio lernte beide Sprachen.
Als Annette S., alleinerziehend, 2008 das Jugendamt um eine Familienhelferin bittet, eskaliert die Situation: Im Oktober 2008 kommt Antonio zu einer Pflegefamilie. Es gebe "Kommunikationsprobleme" zwischen hörendem Kind und gehörloser Mutter, so die Behörde. Der Fünfjährige sei verhaltensauffällig, zeige "unerklärliche Wutausbrüche" gegen seine Mutter, respektiere sie nicht, weigere sich zu gebärden.
Annette S. kämpft vor Gericht um das Sorgerecht, scheitert. im April 2010 bestätigt das Amtsgericht Barmbek: Antonio bleibt in der Pflegefamilie. Die Richter stützen sich auf eine Gutachterin, die Gehörlose offenbar generell für schlechtere Eltern hält: "Ihr Weltwissen ist eingeschränkter als das von Hörenden", schreibt die Diplom-Sozialpädagogin. Und: "Das Erziehungsverhalten gehörloser Eltern ist dem Entwicklungsalter des Kindes wenig angepasst."
Für Rechtsanwalt Schneider ein Skandal: "Das Gutachten ist eine Ansammlung beleidigender Unterstellungen." Er hat einen Eilantrag an das Hanseatische Oberlandesgericht gestellt: Antonios Tante Aretha Apethy (39), Erziehungswissenschaftlerin, hörend und Mutter eines Fünfjährigen, möchte ihren Neffen zu sich nehmen, bis er wieder zu seiner Mutter zurückkann. Am 6. Januar wollen die Richter sie anhören.
Antonio lebt inzwischen in einem Heim, die Sprache seiner Mutter hat er fast verlernt: "Sie entfremden mir mein Kind", gebärdet Annette S., und der Schmerz darüber steht ihr ins Gesicht geschrieben. Zu Weihnachten durfte sie ihm nur eine E-Mail schreiben.