Ein Ehepaar wird beleidigt und bedroht – und kämpft dennoch gegen die Rechten Nein, sagt Birgit Lohmeyer. So zu leben war wirklich nicht ihr Traum. Immer mit der Angst, im nächsten Moment könnte jemand das Haus abfackeln. „Aber jetzt sind wir nun mal hier“, sagt die 52-jährige Krimiautorin (Pseudonym „Birgit H. Hölscher“). „Und vertreiben lassen wir uns nicht“, fährt ihr Mann Horst (54) fort. Der langhaarige Musiker hält eigentlich nichts von Pathos. Dann aber sagt er fast feierlich: „Es ist unsere Verantwortung, Jamel nicht der rechten Brut zu überlassen.“
Elf Kilometer von Wismar entfernt: das Nazi-Dorf. Kinder grüßen: „Heil Hitler!“ Auf einem Stein am Ortseingang steht „Dorfgemeinschaft Jamel. Frei, sozial, national“. Direkt dahinter: Schilder, die in Frakturschrift den Weg weisen – beispielsweise zu Hitlers Geburtsort Braunau am Inn.
Anderswo träumen Neonazis davon, die Macht zu übernehmen. In dem 30-Seelen-Ort im Landkreis Nordwestmecklenburg ist dieses Ziel bereits erreicht. Dass die NPD hier bei Wahlen nicht 100 Prozent der Stimmen erringt, liegt allein an den Lohmeyers. Das Ehepaar aus St. Pauli bezog vor sechs Jahren das alte Forsthaus. 1400 Quadratmeter Grundstück. Wald. Die Ostsee nicht weit. Ein Paradies. Eigentlich.
„Als wir das Haus kauften, wussten wir, dass Sven Krüger hier lebt“, erzählt Birgit Lohmeyer. „Wir wussten auch, dass er ein berüchtigter Neonazi ist.“ 51 Vorstrafen hat der 34-Jährige. Einbruch, Diebstahl, Körperverletzung ... Es heißt, er habe sein Haus mit Hitler-Fotos tapeziert. „Aber damals war er der einzige Ewiggestrige im Ort“, sagt Birgit Lohmeyer, „Wir dachten, wir werden damit fertig.“
Ein Irrtum. Krüger, der Abbruchunternehmer (Firmenslogan: „Wir sind die Jungs fürs Grobe“, Firmenlogo: ein zertrümmerter Davidstern) hat gezielt darauf hingearbeitet, das Dorf an sich zu reißen. Die Nachbarn wurden terrorisiert. Skins brüllten: „Wir räuchern euch alle aus!“ Dann fingen tatsächlich die ersten Gebäude Feuer. Nach und nach zogen Krügers braune Freunde in die Häuser derjenigen, die aus Angst davonliefen.
Nur die Lohmeyers sind geblieben. Und sie stören. Auf der Straße bekommen sie regelmäßig „Verpisst euch!“ an den Kopf geworfen. In der Silvesternacht hat jemand eine Fuhre Mist in die Auffahrt gekippt. Als sie im Sommer ihr jährliches Musik-Festival „Jamel rockt den Förster“ veranstalteten – ein Event für Toleranz und Demokratie –, wurden Gäste brutal verprügelt.
Auf Hilfe von außen warteten die Lohmeyers bisher vergeblich. Manchmal sind Delegationen aus dem Landtag zu Besuch. Auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse saß schon im Wohnzimmer. Alle sind entsetzt von den Verhältnissen. Schütteln betroffen den Kopf. Aber nichts ändert sich.
Dass Jamel regelrecht aufgegeben wurde, das wirft Uwe Wandel (53), Bürgermeister der Gemeinde Gägelow, zu der Jamel gehört, den Verantwortlichen in Schwerin vor. „Politische Überzeugungen können wir Sven Krüger zwar nicht verbieten“, sagt Wandel. „Aber warum unternimmt niemand was dagegen, dass er Müll seines Unternehmens illegal entsorgt?“ Wandel hat mehrfach gefordert, Krügers Firma genau unter die Lupe zu nehmen: Beschäftigt er Schwarzarbeiter? Versteuert er Unternehmensgewinne korrekt? Aber weder Zoll noch Finanzamt hätten eine Prüfung eingeleitet. Angst? Oder gar Sympathie?
Krüger ist inzwischen NPD-Kreistags-Abgeordneter. Und er tritt immer dreister auf: In Grevesmühlen hat er im April ein sogenanntes „NPD-Bürgerzentrum“ errichtet. In großen Lettern steht „Thing-Haus“ an der Fassade. Das Grundstück ist mit Palisaden eingefasst, dahinter steht ein Wachturm mit Scheinwerfern. Kaukasische Schäferhunde schüchtern am Eingang Besucher ein. Als hätte sich Krüger hier sein eigenes KZ gebaut.
Solch einem Mann die Stirn zu bieten, das nennt man Zivilcourage. Die Lohmeyers freuen sich, dass das jetzt auch mal gewürdigt wird. In ein paar Tagen sind sie eingeladen zum Neujahrsempfang des Bundespräsidenten. Und eben erhielten sie Post: Das Bündnis für Demokratie und Toleranz will sie mit einem Preis ehren.