Begeisterung, Verunsicherung, völlige Ablehnung. Die Ankündigung der Hamburger CDU, in Zukunft auf Notenzeugnisse zu verzichten (MOPO berichtete), rief gestern bei Eltern, Lehrern und Schülern die unterschiedlichsten Reaktionen hervor. Der CDU-Schulexperte Robert Heinemann hatte überraschend einen Blitz-Antrag in der Bürgerschaft eingebracht. Er sieht vor, dass Schulen im Zeugnis umfassende Berichte über den Lernstand ihrer Schüler formulieren können. Ziffernnoten fallen dafür weg.
"Natürlich müssen diese sogenannten Kompetenzraster genauso aussagekräftig sein, wie Noten", betont Heinemann. "Wir werfen damit nicht den Leistungsgedanken über Bord, sondern verbessern die Bewertung der Schüler." In einem solchen Bericht würde für jedes Fach aufgelistet, was der Schüler bereits gelernt hat, wie gut er den Stoff beherrscht und was er eigentlich besser beherrschen sollte.
Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) werden die Kompetenzraster als positiv bewertet. GEW-Chef Klaus Bullan: "Wenn die Behörde die Bedingungen nicht zu hoch hängt, machen sicherlich sehr viele Schulen bei diesem freiwilligen Schulversuch mit." Allerdings müsse der Behörde eins klar sein: "Diese differenzierte Benotung wird viel mehr Zeit kosten." Auch die Elternkammer ist positiv gestimmt. Hans-Peter Vogeler: "Ich bin dafür. Wichtig ist doch, ob ein Schüler in einem Fach besser geworden ist. Und nicht das Ranking unter Schülern, das durch Noten erzeugt wird."
Positive Rückmeldungen kommen auch von Schulleitern. Martin Brause, Leiter der Grund-, Haupt-, und Realschulen Altonaer Straße und Arnkielstraße: "Kompetenzberichte bilden die Leistung der Schüler besser ab. Wir werden die Teilnahme an dem Pilotprojekt auf jeden Fall diskutieren." Renate Nietzschmann, Leiterin der Gesamtschule Bergedorf: "Es wird sicherlich noch eine Zeit brauchen bis Kompetenzberichte Noten ersetzen, aber das wäre wunderbar. Schüler erfahren konkreter, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. Sie bekommen eine individuelle Rückmeldung."
Selbst die Opposition klatscht verhalten Beifall. GAL-Chefin Christa Goetsch: "Das war zwar aus heiterem Himmel und total überstürzt von der CDU, aber Kompetenzraster sind innovativ und gut." Das sieht Sabine Boeddinghaus von der SPD ebenso: "Wir haben den Kompetenzberichten zugestimmt und freuen uns über den Vorstoß."