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Irrsinnspreise für Meisterwerke - und teure Versicherungen

Kunst wird für Museen unbezahlbar

Die Neuigkeit platzte mitten in die Vorbereitungen für die Hamburger Schau: Mark Rothkos Gemälde "White Center" erzielte bei Sotheby's New York im Mai 2007 die Rekordsumme von 72,8 Millionen Dollar. Der Wegbereiter der Farbfeldmalerei (1903-1970), dessen Meisterwerke noch bis zum 24. August in der Galerie der Gegenwart zu sehen sind, gehört seitdem zu den zehn teuersten Künstlern der Welt.



Man sollte meinen, die Museumsleute wären glücklich über eine derartige Preisentwicklung - bessere Werbung kann man sich ja kaum wünschen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. "Die hohen Preise verstellen den Blick aufs Wesentliche", sagt Oliver Wick, Rothko-Experte und Kurator der Retrospektive. Das gelte zwar für alle Künstler, aber für den Amerikaner ganz besonders. "Rothko wollte die Menschen mit seiner Kunst berühren. Eine intensive Beziehung zwischen Betrachter und Bild schaffen". "Doch das viele Geld verstellt den Zugang." Die Leute würden sich nicht mehr vorurteilslos mit den kraftvollen Farbfeldern auseinandersetzen, sondern nur noch die "Wandaktie" sehen.



Die exorbitanten Preise machen es den Kuratoren zudem immer schwerer, hochkarätige Ausstellungen zusammenzustellen. "Je kostbarer die Werke, desto weniger sind die Sammler zu Leihgaben bereit", erläutert der Kunsthistoriker. "Denn jeder öffentliche Kontakt birgt ein Risiko." Dafür werden zwar Versicherungen abgeschlossen, doch die Prämien sind so hoch, dass sie kaum noch bezahlbar sind. Und mit jedem neuen Rekord steigen sie weiter. Kürzlich wurde Francis Bacons "Triptych, 1976" bei Sotheby's für 86,3 Millionen Dollar versteigert. Eine Bacon-Schau wie vor drei Jahren in der Galerie der Gegenwart wäre nun kaum noch zu bewerkstelligen. "Zehn Triptychen - das macht 850 Millionen Dollar", rechnet Wick vor. "Die Prämie beträgt etwa 850000 Dollar, das lässt jedes noch so fürstliche Budget lächerlich klein aussehen."



Retrospektiven von Publikumsrennern wie Caspar David Friedrich, Jackson Pollock, Picasso, Renoir oder van Gogh können die Museen nur noch mit Staatshaftung realisieren. Auch Rothkos Werk in Hamburg wird in diesem Umfang in Europa wohl zum letzten Mal zu sehen sein. Wick jedenfalls hält es für höchst unwahrscheinlich, noch einmal die internationalen Leihgaben zusammenzubringen.



Aber nicht nur bei der etablierten Kunst jagt ein Rekord den nächsten. Auch die jungen Superstars, Künstler wie Daniel Richter, Neo Rauch, oder Jonathan Meese, erleben eine schwindelerregende Preisentwicklung. Die finden längst auch Experten abenteuerlich. "Wenn ein Künstler, der 2002 noch 2000 Euro gekostet hat, jetzt für fast eine Million Dollar weggeht, kann ich das nicht ernst nehmen," sagt Rik Reinking (32).



Der Hamburger Sammler, der sich als "Läufer" und Trendscout für internationale Sammler auf allen Auktionen und Messen tummelt, gab jüngst ein Beispiel für die grotesken Auswüchse des Kunstmarkt-Hypes zum Besten: Da hätte vor einiger Zeit ein Sammler angerufen und gefragt, ob Reinking Werke des Malers beschaffen könne, der gerade einen neuen Rekord erzielt habe. Der Auftraggeber wusste Auktionshaus und die genaue Summe, die der Künstler erzielt hatte. Nur den Namen, den wusste er nicht. Sollte es zufällig Mark Rothko gewesen sein, so ist dieser sicher im Grab rotiert. Für kein Geld der Welt hätte er eines seiner Bilder an einen Kunstbanausen verkauft. Rothko litt schon zu Lebzeiten unter dem Kunstmarkt und verzichtete lieber auf lukrative Großaufträge, als Gefahr zu laufen, seine Gemälde als Dekorations- oder Spekulationsobjekte missbraucht zu sehen. "Ein Bild lebt auf in der Gesellschaft eines sensiblen Betrachters", schrieb der gebürtige Lette der Nachwelt ins Stammbuch. "Die Reaktion des Betrachters kann aber auch tödlich sein."

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Datum:  28.7.2008
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