Regie-Zauberer Terry Gilliam, Gründungsmitglied der Komikertruppe Monty Python und Schöpfer visionärer Filme ("Brazil", "12 Monkeys"), hat wieder zugeschlagen: mit dem bildgewaltigen Kino-Märchen "Das Imaginarium des Doktor Parnassus". Dass der Film fertiggestellt werden konnte, ist ein Wunder, denn mitten während der Dreharbeiten starb Hauptdarsteller Heath Ledger an einer Überdosis Medikamente. Die MOPO sprach mit dem 69-jährigen Regisseur.
plan7: Wer Ihre Filme sieht, fragt sich: Wie kommen Sie auf diese abgefahrenen Fantasien? Nehmen Sie Drogen?
Gilliam: Nein, das hatte ich nie nötig! In den Sechzigerjahren, als alle um mich herum LSD einwarfen und mir die Wirkung beschrieben, sagte ich: "Vielen Dank, diese Visionen habe ich auch ohne Drogen!"
plan7: Was war die Ausgangsidee für Ihren neuen Film?
Gilliam: Eine alte Wandertheatertruppe kommt ins moderne London und bietet mit Hilfe eines Zauberspiegels faszinierende Einblicke in verschiedene Parallelwelten, doch niemand interessiert sich dafür. Es ist eine sehr autobiografische Geschichte: Meine letzten beiden Filme wollte kaum jemand sehen, und es wird für mich immer schwieriger, das Geld für ein neues Projekt zusammenzukratzen.
plan7: Aber mit Heath Ledger als Hauptdarsteller dürfte die Finanzierung eines Films doch kein Problem sein.
Gilliam: Ein großer Irrtum! Denn Hollywood wird von Vollidioten regiert, die keinen Funken Fantasie besitzen. Ich sagte zu ihnen: "Leute, im Sommer 2008 kommt ,The Dark Knight` raus, dann wird Heath Ledger der heißeste Star auf Erden sein, und ihr habt die Chance, seinen nächsten Hit zu produzieren." Doch sie sahen nur die geringen Zuschauerzahlen meines letzten Films. Hirnlose Bürokraten!
plan7: Wie haben Sie von Heath' Tod erfahren?
Gilliam: Durch eine BBC-Meldung, in der es hieß, er sei tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden worden. Zuerst dachte ich, das wäre bloß ein geschmackloser Marketing-Gag für "The Dark Knight". Als sich die Nachricht als wahr herausstellte, war ich am Boden zerstört und wollte aufgeben. Aber alle um mich herum meinten: "Nein, Heath' Leistung ist so großartig, Du musst diesen Film unbedingt retten!"
plan7: Und wie haben Sie das geschafft?
Gilliam: Wir hatten zum Glück Heath' Szenen auf "unserer" Seite des Zauberspiegels schon abgedreht. So beschloss ich kurzerhand, dass die Filmfiguren ihr Aussehen verändern können, wenn sie auf die andere Seite des Spiegels treten. Ich fragte meine Freunde Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell, ob sie bereit wären, Heath' Rolle in den Parallelwelten zu übernehmen. Es ist gespenstisch, wie gut das funktioniert. Seitdem habe ich einen Rat für alle Filmstudenten: Stellt sicher, dass es in jedem eurer Drehbücher einen magischen Spiegel gibt!
plan7: Hatten Sie den Eindruck, dass Heath schon während Ihrer Dreharbeiten von einer morbiden Aura umgeben war?
Gilliam: Überhaupt nicht. Er war so voller Leben, wie ein Mensch nur sein kann. Er hatte so viele Ideen, dass er in manchen Szenen praktisch die Regie übernahm - ich sah ihm nur fasziniert zu. Jeder Tag mit ihm war ein Geschenk. Sein Tod ergibt für mich immer noch keinen Sinn.
plan7: In den Zeitungen stand, er sei neurotisch und labil gewesen...
Gilliam: Blödsinn! Er war einer der bodenständigsten Menschen, die mir je begegnet sind. Ein Fels in der Brandung. Aber nirgendwo finden Sie so viele Lügen wie in der Klatschpresse. Seitdem ich Dinge über mich selbst gelesen habe, die völlig aus der Luft gegriffen waren, glaube ich auch nichts mehr, was über andere geschrieben wird.
plan7: Was war der größte Quatsch, der über Sie verbreitet wurde?
Gilliam: Dass ich Talent hätte! (lacht)