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Empfehlen | Drucken | Kontakt Datum: 20.8.2010

INTERVIEW: Ole von Beust: "Ich bereue nichts!"

Mopo: War Ihr Rücktritt eine Fahnenflucht?



Beust: Unsinn. Sonst heißt der Vorwurf immer, Politiker kleben an ihrem Sessel. Dann geht man freiwillig und es ist wieder falsch? Außerdem flüchte ich ja nicht oder setze mich ja nicht auf Sylt mit meiner Pension zur Ruhe. Die werde ich nämlich vor Eintritt ins Rentenalter voraussichtlich gar nicht in Anspruch nehmen, sondern schon im Herbst wieder arbeiten. Aber nicht in der Politik oder einem öffentlichen Unternehmen.



Mopo: Verstehen Sie den Unmut der Wähler denn?



Beust: Die Enttäuschung ja. Aber ich habe immer gesagt, etwa ein Jahr vor Ende der Legislatur entscheide ich, ob ich weitermache. Dass das jetzt vier Monate vorher passiert ist, da geht doch die Welt nicht von unter.



Mopo: Stellen wir uns vor, Sie wären normaler Wähler. Würden Sie dann nicht auch Neuwahlen fordern?



Beust: Den Reflex kann ich verstehen. Aber bis auf Ortwin Runde sind doch alle Bürgermeister in der laufenden Legislatur gegangen.



Mopo: Die GALier waren brüskiert. Hat der Architekt von Schwarz-Grün die Grünen im Stich gelassen?



Beust: Architekten wohnen auch nicht ein Leben lang in den Häusern, die sie bauen.



Mopo: Sie hatten einfach keine Lust mehr?



Beust: Quatsch. Aber wäre ich nicht irgendwann zurückgetreten, hätte ich erneut zur Wahl antreten und dann mindestens zwei Jahre im Amt bleiben müssen. Ganz abgesehen davon, dass wir dann die gleiche Situation wie heute gehabt hätten. Es ist doch so: Irgendwann kommt immer der Punkt, an dem die Leute sagen: Wann haut der Typ endlich ab. Da gehe ich lieber vorher selbst.



Mopo: Was haben Sie am Abend Ihrer Rücktrittsankündigung gedacht?



Beust: Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen. Das war kein einfacher Schritt, das ging mir sehr nah. Politik war Jahrzehnte der Haltepunkt meines Lebens. Aber ich habe mich auch nie durch den Job definiert, das war nie das Sinngebende.



Mopo: Was hat Ihrem Leben denn Sinn gegeben?



Beust: Ganz unterschiedlich. Große Glücksmomente können ein spannender Krimi sein, ein Strandspaziergang am Strand oder eine neue Liebe. Alles Dinge, die aus mir und nicht aus dem Amt kamen.



Mopo: Sie hinterlassen viele Baustellen: Elbphilharmonie, Schulpolitik, Megaschulden, Nordbank... Haben Sie kein schlechtes Gewissen?



Beust: Die entscheidenden Weichen sind doch gestellt, ob bei Schule, Nordbank oder Philharmonie. Ganz ohne offene Punkte verlassen Sie aber nie so ein Amt, irgendwas ist immer.



Mopo: Die Elbphilharmonie ist nicht irgendwas.



Beust: Die Mehrkosten sind aber bereits entstanden. Dass das so ist, mag man mir vorwerfen. Aber sie werden nicht höher oder niedriger, nur weil ich jetzt gehe.



Mopo: Was war denn die wichtigste Erfahrung Ihrer Amtszeit?



Beust: Dass man mit guten Argumenten auch eine Meinung gegen die Mehrheit vertreten und durchsetzen kann und dies akzeptiert und teils auch honoriert wird.



Mopo: Was war die größte Niederlage?



Beust: Der verlorene Schulentscheid.



Mopo: Und was bereuen Sie?



Beust: Nichts. Klar habe ich Fehler gemacht, aber ich habe mich bemüht, keinen Mist zu machen. Ich habe keine Leichen im Keller liegen.



Mopo: Wie bewerten Sie denn die „Ära Schill“ heute?



Beust: Peinlich, aber notwendig.



Mopo: Ist Politik ein dreckiges Geschäft?



Beust: Das ist ein Vorurteil. Im Leben gibt es nun mal auch Intrigen, Eitelkeiten und Machtinteressen. Politik spiegelt nur die Natur des Menschen – im Guten wie im Schlechten. Sie haben viele Idealisten, die sich für relativ wenig Geld unglaublich engagieren. Und Sie haben eitle, affige Intriganten. Aber die gibt es überall, bestimmt auch in der MOPO.



Mopo: Was soll mal mit Ihrem Namen verbunden werden?



Beust: Wenn es heißt, er hat seine Sache ordentlich gemacht, wäre ich ganz zufrieden.



Mopo: Was wollen Sie den Hamburgern zum Abschied sagen?



Beust: Wir haben allen Grund, auf diese Stadt stolz zu sein. Auf die Art der Menschen. Ihr Selbstbewusstsein. Ihre Distanz zur Obrigkeit, nicht einfach zu buckeln. Ihre Kraft zur Selbstironie. Ihre Schweigsamkeit, lieber wortkarg zu sein als zu viel zu sabbeln. Wer nicht fühlen kann, wie diese Stadt tickt, der versäumt etwas.

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