Der Mann, der zusammen mit Trainer Holger Stanislawski die sportliche Zukunft des FC St. Pauli bestimmen soll, hat jetzt selbst Planungssicherheit: Das Präsidium verlängerte den Vertrag mit Helmut Schulte vorzeitig bis 2013. Die MOPO am Sonntag sprach mit dem 52-jährigen Sportchef.
MOPO am Sonntag: Sie wurden erst als Trainer, dann als Manager eiskalt abserviert. Sind jetzt schon das dritte Mal am Millerntor. Sind Sie Masochist oder süchtig nach St. Pauli?
Schulte: St. Pauli ist fast wie eine Droge! Meine erste Station als Trainer war ja lange fantastisch, nur die letzten drei Monate passten nicht mehr.
MOPO am Sonntag: Und wie war die Zeit als Manager?
Schulte: Da hat es von Anfang an nicht gestimmt. Ich war gerade zwei, drei Tage im Amt, da kam der Mannschaftsrat zu mir und sagte, Trainer Uli Maslo müsste weg. Das Präsidium war auch nicht von ihm überzeugt. Ich wollte aber nicht als erste Amtshandlung jemanden entlassen.
MOPO am Sonntag: Welche Entlassung hat Ihnen mehr wehgetan?
Schulte: Die als Manager. Als Trainer muss du ja immer damit rechnen. Als Weisener mich 1998 das zweite Mal feuerte, sagte er zu mir: "Ich habe in Ihrem Leben wohl nicht die glücklichste Rolle gespielt." Das konnte ich bestätigen.
MOPO am Sonntag: Was ist der Unterschied beim FC St. Pauli im Vergleich zwischen den 80er und 90er Jahren zu heute?
Schulte: Damals hat im Klub jeder über alles mitgeredet und auch mitentschieden. Das war ein chaotisches Chaos. Heute haben wir deutlich bessere Strukturen, eine klare Hierarchie und Aufgabenverteilung. Die Krise vor ein paar Jahren wurde als Chance genutzt. St. Pauli ist wie der Phönix aus der Asche aufgestiegen.
MOPO am Sonntag: St. Pauli galt und gilt als der etwas andere Klub. Woran liegt das?
Schulte: Der Hauptgrund ist: Wir haben das Millerntor! Dieses unglaubliche Erlebnis der zwei Mal 45 Minuten in einem Stadion, das mitten in der Stadt liegt. Ein Feeling zwischen Wohlfühlen und Friedfertigkeit.
MOPO am Sonntag: Was an den außergewöhnlichen Fans liegt?
Schulte: Ja, die haben ein unglaublich kreatives Potenzial. Die jüngste Nummer beim Schalke-Spiel mit Asamoah, dessen Einsatz von unseren Zuschauern gefordert wurde, war geil. Bei uns gibt es das unselige Freund-Feind-Schema nicht.
MOPO am Sonntag: Ist der Fußball etwa zweitrangig?
Schulte: Keineswegs. Der Kult, der Mitte der 80er Jahre begann, basiert auf tollem Fußball. Michael Lorkowski bastelte eine Truppe aus vielen Hamburger Jungs zusammen, und was Willi Reimann an Professionalität einführte, durfte ich 1988 mit dem Bundesligaaufstieg über die Ziellinie führen.
MOPO am Sonntag: Nun sind Sie auf der anderen Seite. Sie wirken als Sportchef manchmal auch schroff und hart im Tagesgeschäft.
Schulte: Wenn ich Everybody's Darling wäre, hätte ich etwas falsch gemacht. Ich bin für vernünftige Strukturen und Planungen angestellt, habe auch die Etat-Verantwortung. Dieser Job bringt es mit sich, dass ich nicht den Weihnachtsmann spielen und alle glücklich machen kann.
MOPO am Sonntag: Wann reagieren Sie besonders heftig?
Schulte: Wenn Leute mit ihren Forderungen über das Ziel hinausschießen und ihr Ego über die Interessen des Vereins stellen. Der Verein ist die wichtigste Komponente. Jeder Angestellte muss sich am Ende des Tages fragen: "Habe ich alles für ihn gegeben?"
MOPO am Sonntag: Die Mannschaft gibt alles. Kann sie schon in dieser Saison aufsteigen?
Schulte: Wir müssen es nicht, aber wir dürfen es wollen. Diejenigen, die bei uns in der Verantwortung stehen, müssen realistisch, alle anderen dürfen euphorisch sein.
MOPO am Sonntag: Die Chance in dieser Saison ist sehr groß.
Schulte: Ja. Das sieht jeder, der auf die Tabelle blickt.
MOPO am Sonntag: Wäre die derzeitige Mannschaft bundesligareif?
Schulte: Mit wenigen punktuellen Verstärkungen - ja!
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