Lange bevor Themen wie Sterbehilfe und Patientenverfügung hier zu Lande aktuell wurden, beschäftigte sich der schwedische Schriftsteller Carl-Henning Wijkmark mit den Problemen der von ihm so genannten "Altenexplosion" und mit radikalen Lösungsmöglichkeiten. Nun wird sein 1978 erschienenes Buch "Der moderne Tod" am Schauspielhaus zur Grundlage eines Projekts, das an die Grenzen der Moral führt. "Grausige, ketzerische Gedanken werden vertreten", sagt der Schauspieler Michael Prelle, der einen der sechs Experten spielt. Nach 25 Jahren ist der 54-jährige Hamburger wieder ans Schauspielhaus zurückgekehrt, spielt dort auch Göring in "Mephisto" und das Klemperer-Solo "Gehen - Bleiben".
MOPO: Begrüßen Sie es, wenn das Theater wieder stärker auf brisante gesellschaftliche Themen reagiert?
Prelle: Unbedingt. Theater war früher offener für gesellschaftliche Fragen, und es ist gut, wenn es zum Denkraum wird. Projekte wie "Der moderne Tod" gehören unbedingt auf den Spielplan - auch um so etwas zu realisieren, bekommen wir ja staatliche Unterstützung.
MOPO: Wijkmarks literarische Versuchsanordnung bezieht sich auf Schweden. Lässt sich der Text so einfach auf die Lage in Deutschland übertragen?
Prelle: Der Autor geht bei der Entwicklung seiner Gedanken davon aus, dass sich die wirtschaftliche Lage innerhalb einer Gesellschaft verschärft. Von daher ist eine Übertragung auf unsere aktuelle Situation durchaus möglich. Wo der Text mit Zahlen arbeitet, haben wir versucht, diese auf die deutschen Verhältnisse zu übertragen.
MOPO: Was ist für Sie das Erschreckende an diesem Text?
Prelle: Dass man diese Thesen nicht mehr als Fiktion abtun kann. Wir wissen zum Beispiel, dass Menschen, die in Altenheimen in Holland lebten, nach Deutschland gezogen sind, weil sie nach der Legalisierung der Sterbehilfe Angst vor ihren aufs Erbe spekulierenden Familien haben - was entsetzlich ist.
MOPO: Besteht nicht die Gefahr, mit diesem Stück Missverständnisse auszulösen?
Prelle: In unserem Projekt bilden sechs Schauspieler eine Expertengruppe, in der ganz unterschiedliche Positionen vertreten werden - wobei das Publikum auch ab und zu aufs Glatteis geführt wird. Auf den ersten Blick ist durchaus was dran an diesen Denkmodellen - die Perfidie, die in diesen Argumenten steckt, muss der Zuschauer im Laufe der Diskussion selbst erkennen. Außerdem wird es nach den Vorstellungen Diskussionen mit den Zuschauern geben. Das ist der ausdrückliche Wunsch des Ensembles. Das Publikum nicht einfach nach Hause zu schicken ist auch ein Teil der gesellschaftlichen Verantwortung, die man hat, wenn man mit einem so brisanten Thema an die Öffentlichkeit geht.