Max Färberböck (58) arbeitete früher als Dramaturg beim legendären Peter Zadek am Hamburger Schauspielhaus und an anderen Bühnen. 1999 gelang ihm mit seinem Debüt "Aimee & Jaguar" der Durchbruch als Spielfilmregisseur. Mit "Anonyma" hat Färberböck nun ein höchst umstrittenes Buch verfilmt, das zuerst 1954 in Amerika anonym erschien. In diesem Tagebuch berichtet eine Frau vom Heranrücken der Roten Armee 1945, den vielen Vergewaltigungen und dem Überlebenskampf der deutschen Frauen.
plan7: Wo lagen die größten Schwierigkeiten, das Buch in einen Film umzusetzen?
Max Färberböck: Es war sehr schnell klar, dass ich den Film nur machen würde, wenn ich den Charakter des Tagebuchs beibehalte, also die Ereignisse im Vordergrund lasse und sie nicht mit einem Plot zustelle. Bei einem historischen Stoff gibt es stets irgendeine Seite, die man nicht erzählen kann. Die Realität setzt sich immer viel komplexer zusammen. Die Rote Armee ist ein hoch diffiziles, komplexes, widersprüchliches Gebilde. Bei Weitem nicht alle der 1,2 Millionen Soldaten, die nach Berlin kamen, waren Vergewaltiger und Mörder. Anonyma wusste das und war mutig genug, die Russen nicht nur als Masse des Bösen zu schildern, sondern sie zu personifizieren, als Menschen mit Schicksalen zu sehen. Ein echter Tabubruch.
plan7: Wie unterscheidet sich Anonyma im Film von der wirklichen?
Färberböck: Anonyma war nie in der Partei, aber sie war eine Mitläuferin. Das erzählt der Film mehr als das Buch. Deswegen gibt es immer wieder diese Fragen des russischen Majors: Sind Sie Faschistin? Die Russen konnten nicht verstehen, dass eine so intelligente und weltgewandte Frau eine Faschistin sein könnte.
plan7: Sie gibt ihm auch keine Antwort ...
Färberböck: Nein, und diese Stille, die da in diesem Moment herrscht, ist ein wertvoller Moment im Film, denn diese Haltung hätten wahrscheinlich unendlich viele deutsche Frauen gehabt. Sie wollten nicht wissen, was hinter dieser Frage lauert. Erst, als der junge russische Soldat Anonyma erzählt, was für schreckliche Dinge in seinem Dorf passierten, beginnt in ihrem Bewusstsein die Bombe zu ticken.
plan7: Anonyma gibt ihrem heimgekehrten Mann das Tagebuch zum Lesen, er sagt darauf: Ihr seid alle schamlos. Was heißt schamlos?
Färberböck: Diese Frage stellte sie sich vorher selbst. Sie sagt: Ich kann nicht sagen, dass dieser Major mich vergewaltigte. Da stellt sie jede Moral in einer solchen Situation infrage. Das verstärkt die Ambivalenz im Film und wirft Fragen auf, die auch heute interessant sind.
plan7: Denkt ihr Mann, sie hätte sich lieber umbringen sollen, um ihre Würde zu retten?
Färberböck: Das ist ein sehr heikler Punkt. Ich denke, dass das manchen Männern sogar lieber gewesen wäre.
plan7: Film und Buch sind nicht ohne Humor. Ist es legitim, über die eigene Vergewaltigung oder die anderer zu spötteln?
Färberböck: Wir können doch vergewaltigten Frauen nicht vorschreiben, wie sie zu fühlen haben. Das Interview führte