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INTERVIEW MARTIN SUTER

"Ich möchte nicht noch einmal zwanzig sein"

Er ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Schweiz, und hat vor allem in Deutschlqnd viele Fans. Zuletzt wurde Martin Suters (61) Roman "Lila, Lila" verfilmt. Für "Giulias Verschwinden" schrieb er neben der Literaturvorlage auch das Drehbuch.



plan7: Sie haben eine schöne Geschichte über das Älterwerden geschrieben. Ihre Protagonistin, gespielt von Corinna Harfouch, flieht vor der Feier zu ihrem 50. Geburtstag. Erging Ihnen das auch so?



Martin Suter: Nein, den habe ich ziemlich locker weggesteckt. Mein 60. Geburtstag war auch sehr schön. Trotzdem muss ich zugeben, dass so ein Alter schon ein ziemlicher Einschnitt ist. Jedenfalls stutze ich jetzt immer, wenn ich angeben muss, dass ich schon 61 bin.



plan7: Fühlen Sie sich jünger?



Suter: Als junger Mann habe ich 60-Jährige gesehen und gedacht, die haben es schon ganz schwer. Ich fühle mich heute jedenfalls nicht so wie die alten Leute in meiner Vorstellung von früher.



plan7: Wird Ihnen im Bus denn manchmal ein Platz angeboten?



Suter: Nein, zum Glück noch nicht. Aber das liegt wohl eher daran, dass die jungen Leute das nicht mehr machen. Zumindest habe ich das Gefühl, dass ihnen das nicht mehr beigebracht wird. In Zürich sehe ich nur 60-Jährige für 80-Jährige aufstehen. Man nimmt die alten Leute halt nicht mehr so richtig wahr.



plan7: Wann fühlten Sie sich das erste Mal alt?



Suter: Das weiß ich noch sehr genau: Ich hatte mal einen Traum von dem ich weinend aufgewacht bin, weil ich darin schon 40 Jahre alt war. Ich lag im Bett, sah meine Frau neben mir liegen und atmete tief durch. Bis mir, so wach wie ich war, plötzlich klar wurde, dass ich in Wahrheit ja schon 52 bin! Das war ein Schlüsselerlebnis.



plan7: Männer bekommen einen Bauch und Frauen fürchten die Falten - wer ist denn anstrengender, wenn es um die Eitelkeiten und die Tücken des Älterwerdens geht: Männer oder Frauen?



Suter: Es gibt ein Alter, das die Frauen ganz furchtbar finden und eine Zeit im Leben, in der Männer anfangen zu stöhnen. Bei denen findet das meistens etwas später statt. Ich glaube, Frauen haben den kritischen Punkt irgendwann überwunden und erlangen eine neue Würde und Gelassenheit. Mit 60 sind viele Männer noch voller Selbstbewusstsein - erst später, wenn Frauen sich schon längst gefangen haben, kommt bei ihnen die Alterskrise.



plan7: Die deutschen Regisseure Leander Haußmann, Jan Schütte und Andreas Dresen haben in der jüngeren Vergangenheit ebenfalls das Thema des Älterwerdens auf unterschiedliche Weise behandelt. Findet im Kino eine Neuentdeckung der Grauhaarigen statt?



Suter: Ich gehe sehr selten ins Kino, daher kann ich das nicht wirklich beurteilen. Aber wenn Sie überlegen, dass unsere Gesellschaft immer älter wird, dann werden auch die Kinozuschauer nicht jünger. Jetzt versucht man wieder ein älteres Publikum zu erreichen. Früher wurde nur Filme für 15-20-Jährige gemacht.



plan7: Wenn Sie von jungen Leuten sprechen: In "Giulias Verschwinden" einigen sich die Figuren darauf, nicht noch einmal 20 sein zu wollen. Wären Sie gerne noch einmal so jung? Für eine Woche?



Suter: Für eine Woche jederzeit! Aber länger? Nein, bitte nicht. Wenn ich mir auf Ibiza die 20-jährigen von heute anschaue, die wollen alle in die Disko und diese aufpeitschenden Mittel nehmen. Aber die haben es auch viel schwerer als wir damals. Ich hatte alle Möglichkeiten, keine Existenzängste oder Probleme mit der Berufswahl. Um einen Job musste ich mir nie Sorgen machen. Die 20-Jährigen von heute erlernen manchmal Berufe, die sie niemals ausüben werden können. Das gab es bei uns nicht.

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Datum:  4.2.2010
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